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Sintflut über Ouagadougou
Von: Alexandra Leon, DED-Entwicjlungshelferin in Ouagadougou
„Ist das Wetter nicht schön heute? Der Himmel ist so wunderbar grau!“ Über Sonne freut sich in Burkina Faso niemand. Regen jedoch, der hier sai- sonweise zwischen Juni und September fällt, der ist willkommen. Er sorgt während der Regenzeit im sonst so heißen und kargen „Land der aufrechten Menschen“, wie es übersetzt heißt, für grüne, blühende Landschaften, wohlgenährtes Vieh und angenehm kühle Temperaturen. es übersetzt heißt, für grüne, blühende Landschaften, wohlgenährtes Vieh und angenehm kühle Temperaturen. Jedoch am 1. September bedeutete das allseits so beliebte Nass Katastrophe, Angst und Ohnmacht in der Mil lionenhauptstadt des Landes Ouagadougou.
Gegen vier Uhr morgens begann die Katastrophe, ein Regenfall, wie er Berichten zufolge seit 100 Jahren hier cht mehr g esehen wurde. Bis 15 Uhr am Nachmittag fielen Unmengen Wasser vom Himmel, bereits nach vier Stunden verwandelte es Straßen und Pisten in reißende, teils hüft- bis brusttiefe, vom Schlamm rotbraun gefärbte Ströme. Das Kanalsystem der Stadt ist nicht in der Lage gewesen, solche Wassermassen zu transportieren – wenn es überhaupt vorhanden ist und funktioniert. Autofahrer kämpften oft vergebens gegen die Fluten, bevor ihr Wagen dem Wasser nicht mehr standhalten konnte. Menschen wateten barfuß, mit ihren Habseligkeiten auf dem Kopf durch den dichten Regen. Besonders heftig hat es jedoch die Viertel nahe der „Barrages“ getroffen, Was serreservoirs, die der Trinkwasserversorgung der explosionsartig gewachsenen Stadt dienen. Die künstlichen Seen sind über die Ufer getreten, und was den unaufhaltsamen Wassermassen im Weg stand, wurde dem Erdboden gleich gemacht. Häuser, Hütten, Verkaufsstände – in so manchem Viertel blieb kaum ein Stein auf dem anderen.
Tags drauf sind die Menschen mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Sie versuchen, ihre Habseligkeiten wiederzufinden, schaufeln im Schlamm nach Übriggebliebenem, wandern langsam durch Straßen und ausgespülte Kanäle, wo Kleidung und persönliche Dinge verstreut liegen, während anderorts Plünderer versuchen, aus der Katastrophe Profit zu schlagen. Ein Pickup mit der Ladefläche voller Baguettes rast in Polizeibegleitung am Verkehrsstau vorbei. Die Medien warnen davor, das Leitungswasser zu trinken, da Seuchengefahr bestehe, während die Menschen mit Kanistern an öffentlichen Brunnen Schlange stehen. Zahlen werden veröffentlicht: Mehr als 300 Millimeter betrug die Niederschlagsmenge laut Medienberichten – zum Vergleich: der mittlere jährliche Niederschlag in Deutschland beträgt 700 Millimeter (Quelle: Wikipedia). Offiziell forderte die Überschwemmung bislang fünf Tote, viele Menschen werden noch vermisst. Die Zahl der Obdachlosen, die nun vor allem in Schulen, Kirchen und Moscheen, aber auch bei Nachbarn und Familien voübergehend Zuflucht finden, übersteigt die 150.000. Indes sucht ein burkinisches Onlinemedium nach den Schuldigen für die verheerenden Auswirkungen des Jahr hundertregens. Schnell sind die gefunden: Die Menschen selbst sind in erster Linie schuld, weil sie ihre wenig stabilen Hütten auf Grund bauen, der ihnen nicht gehört und bekannt dafür ist, dass er bei starken Regenfällen überflutet wird. Doch eine andere Wahl fällt schwer in einem Land, in dem rund 60 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar pro Tag lebt.
Nun fehlt es vielen an allem: Ein Haus zu mieten, wie es sie reihenweise weggespült hat, ist mittlerweile teuer geworden: Während es früher für etwa 6.000 Franc CFA (cumgerechnet etwa neun Euro) zu haben war, kostet es jetzt 10.000 Franc CFA (etwas mehr als 15 Euro) – falls überhaupt noch freie Häuser zu finden sind. Darüber hinaus fehlt es an Kleidung, Medikamenten und sonstigen Dingen des täglichen Bedarfs. Radios und Handys, die wichtigsten Kommunikations- und Informationsmittel sind ebenfalls oft Opfer der Fluten geworden. Von den insgesamt 30 Stadtteilen in Ouagaugou sind vor allem neun am schwersten betroffen: Dapoya, Boul miougou, Patte d’oie, Ouidi und die Zonen der Stadtperipherie.
Erst jetzt wird langsam das ganze Ausmaß der Folgen der Regenflut deutlich. Offiziellen Angaben zufolge sind derzeit 110.000 Menschen in den 93 provisorischen Auffanglagern un tergebracht – ohne zu wissen, wann sie wieder eine feste Unterkunft haben. Es fehlt an ausreichend Nahrung, Medikamenten und Trinkwasser. Pro Tag werden nun rund 50 Tonnen Lebensmittel benötigt. Vielerorts ist das Lei tungswasser ganz abgestellt, die Versorgung der Obdachlosen mit Hilfsgütern läuft nur schleppend an. Die sanitäre Versorgung ist unzureichend bis katastrophal. Während die Menschen versuchen, in ihr Leben und die wenigen daraus übrig gebliebenen Dinge wenigstens provisorisch Ordnung zu bringen, steigt das Gesund heitsrisiko und auch die Angst vor einem neuen Regen. Es gibt keine Decken, keine Zelte, keine Moskitonetze, die während der Regenzeit dringend notwenig sind. Die ersten vermehrten Fälle von Malaria wurden bereits bekannt, ebenso Amöbenruhr und sonstiger Infektionen, wie Tetanus durch Verletzungen und mangelnde Hygiene.
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