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Titel

Burkina Faso - 50 Jahre Staatlichkeit

 

Vor 50 Jahren wird die Republik Obervolta gegründet

 

Der Rahmen

 

Alles beginnt 1945 mit dem Sieg im II. Weltkrieg. Das „freie Frankreich“ hat mitgewonnen. Mit ihm auch Hunderttausende afrikanischer Soldaten an den Fronten in Europa und sie haben ihre Toten hinterlassen. Sieg der Freiheit!

mapIm algerischen Sétif gerät die Siegesfeier am 8. Mai 1945 zum Fanal – als die Demonstranten das Wort Freiheit ernst nehmen und auf sich beziehen wird geschossen. Zehntausende sterben im ganzen Land

Doch die Geschichte nimmt ihren Lauf, Libanon 1943 und Syrien 1946 sind die ersten Staaten, die die Franzosen aus ihren weltweiten Kolonialgebieten verlieren und räumen.

In Südostasien versuchen sie ihre Kolonie Indochina wieder zu erobern und zu halten. Während der Ost – West Konflikt im Koreakrieg explodiert, beginnt der Kolonialkrieg um Indochina –„L’Indochine“. Auch hier kämpfen wieder Tausende afrikanischer Soldaten in der französischen Armee. 1954 ist es vorbei, Dien Bien Phu heißt der Ort der Niederlage. Kambodscha, Laos und Vietnam sind unabhängig. Die afrikanischen Soldaten kehren heim und bringen diese Idee mit nach Hause. Warum sie und nicht auch wir?

Gleichzeitig beginnt am 1. November 1954 der Algerienkrieg.

Und wieder werden Truppen aus Westafrika rekrutiert und eingesetzt zur Unterstützung der Kolonialarmee aus dem Süden. Doch in Frankreichs Regierungskreisen beginnt die Einsicht zu dämmern, dass es mit dem Kolonialreich so nicht weitergehen kann.

Bereits während des II. Weltkrieges beschreibt die „Erklärung von Brazzaville“ 1944 die Zukunft Frankreichs und seiner Kolonien in einer gleichberechtigten „Union Francaise“. 1946 werden dir Kernpunkte dieser Erklärung in der Verfassung der IV. Republik in die Realität umgesetzt.

Das alte AOF (Afrique Occidentale Francaise) – Französisch Westafrika mit seinen sieben Territorien Mauretanien, Senegal, Guinea, Sudan, Elfenbeinküste, Dahomey und Niger – nun Bestandteil der Französischen Union, erlebt den Beginn einer vorsichtigen Demokratisierung. Bei den Wahlen zu den französischen Nationalversammlungen werden überall mit beschränktem Wahlrecht Vertreter gewählt, ebenso für den Senat. Dazu bilden sich Parteien oft in Anlehnung an die Parteien in Frankreich. Afrikanische Politiker werden aktiv, Verwalter, Lehrer, Gewerkschaftler, sie haben meist eine eher lokale Basis, eng verbunden mit ihrer Heimatregion, oft ausgebildet in der berühmten Kolonialschule William-Ponty in Dakar/Gorée. Man kennt sich, arbeitet zusammen, konkurriert aber auch um politische Ideen, Einfluss, Posten. Léopold Sédar Senghor, Achmed Sékou Touré, Modibo Keita, Félix Houphouet-Boigny, Daniel Ouezzin Coulibaly, Hubert Maga sind bekannte Namen aus dieser Zeit.

 

Das Land

 

Wo ist Obervolta – la Haute-Volta?

 

Das Territorium Obervolta, 1919 bei der Aufteilung der Kolonie Haut-Senegal-Niger geschaffen wird 1932 aufgelöst, aufgeteilt unter Sudan, Elfenbeinküste und Niger. Wichtiger Grund dafür ist die Straffung der Kolonialverwaltung und der Wunsch einflussreicher Kreise in den Nachbarkolonien nach Arbeitskräften aus dem relativ dicht besiedelten Mossiland. Im Sudan braucht die neue „Office du Niger“ Arbeiter auf den Reisfeldern im Nigerbinnendelta, in der Elfenbeinküste verlangen die europäischen Kaffee- und Kakaopflanzer billige Arbeiter für ihre Plantagen. Bobo, Mossi und Gurunsi sind plötzlich Ivorer, andere Mossi, Marka, Peulh werden Sudanesen, Gourmantché zu Nigreren.

Ohnmächtig sieht der Mogho Naaba in Ouagadougou zu wie sein Reich zerstückelt und zerstört wird.

Historische und moderne Strukturen stimmen nicht mehr überein, und nun kommt der Weltkrieg. Besonders viele Mossi melden sich zur Armee und treten den weiten Weg nach Europa an.

Nach dem Krieg kehren sie zurück, mit neuen Werten im Gepäck und oft nicht mehr bereit einerseits die Kolonialherrschaft weiterhin zu akzeptieren, andererseits aber auch kritisch der alten Ordnung der Chefs gegenüber.

Die neuen Politiker der Nachkriegszeit spiegeln diese Haltungen wieder. Mogho Naaba Kom, später sein Sohn Mogho Naaba Sagha II. (1942 – 1957) betreiben seit der Teilung die Wiedervereinigung der Kolonie Obervolta und damit ihres Mossireiches. Organisiert in der Union Voltaique (U.V.) reisen seine Anhänger durch das Land und verbreiten diese Forderung in der Bevölkerung.

Ein großer Teil der sogenannten Senegalschützen (Tirailleurs Senegalais) im ersten Weltkrieg und der Kolonialtruppen aus Westafrika im zweiten Weltkrieg sind Mossi – ein wichtiges Argument der Mogho Naaba bei seinen Eingaben in Frankreich für die Wiederherstellung seines Staates.

Am 4. September 1947 ist das Ziel erreicht – Obervolta ist wieder da - als achtes Territorium in Französisch Westafrika. Lokale Wahlen finden statt, auch die Vertreter der Kolonie in den Institutionen der französischen Union werden gewählt.

 

Die Politik organisiert sich

 

Neben den Traditionalisten um Joseph Conombo in der U.V. deren Ziel erst die Wiederherstellung des Landes, später die Aufrechterhaltung der traditionellen Ordnung der Chefs ist, kommt aus der Elfenbeinküste die PDCI/RDA (Parti Démocratique de la Côte d’Ivoire / Rassemblement Démocratique Africain) ins Spiel. Ihr Vorsitzender Félix Houphouet-Boigny ist einflussreicher afrikanischer Politiker in Paris, in Obervolta vertritt ihn Daniel Ouezzin Coulibali aus Banfora. Bei der Wahl zur ersten Nationalversammlung der IV. Republik werden 1947 aus der Elfenbeinküste inklusive des dazugehörigen Teils von Obervolta drei Abgeordnete gewählt Houphouët-Boigny, Coulibaly (beide PDCI/RDA) und Philippe Zinda Kabore (U.V.), der Wunschkandidat des Mogho Naaba. Leider stirbt Kaboré noch bevor er Frankreich erreicht, sein Nachfolger ist Henri Guissou, ebenfalls ein Vertrauter des Mogho Naaba.

Die damalige Zusammenarbeit der PDCI/RDA mit den französischen Kommunisten (bis 1950) und deren anti-koloniale Haltung ist für die Wiederherstellung des Gebietes Obervolta sehr förderlich. Von der PDCI abgelehnt, liegt die Neukonstituierung der Kolonie mit der konservativen Partei U.V. durchaus im Interesse der Kolonialmacht. Die Kommunisten werden geschwächt und die U.V. verspricht Ruhe im Land.

1951 werden vier Abgeordnete aus Obervolta in die französische Nationalversammlung gewählt: Henri Guissou, Mamadou Ouédraogo, Joseph Conombo (alle U.V.) und Nazi Boni (AV) Vertreter des Westens, der Region um Bobo, der auch weiterhin die dortigen Regionalinteressen vertreten wird.

Die neue seit 1948 bestehende PDV/RDA (Parti Democratique Voltaique / RDA) bekommt keinen Sitz.

Doch bereits 1954 ist es vorbei mit der Einheit der traditionellen Union Voltaique, zwar können vorsichtige Modernisten um Joseph Ouédraogo und die Traditionalisten um Conombo sich unter neuem Namen PSEMA (Parti Sociale d’émancipation des masses Africains) noch verständigen, aber der Westen des Landes ist von den Traditionalisten nicht mehr zu halten. Nazi Bonis neue Partei MPEA (Mouvement Populaire pour l’émancipation Africain) bleibt bis zur Unabhängigkeit ein entscheidender Faktor zur Mehrheitsbeschaffung und auch die PDV/RDA

unter Coulibali vergrößert ihre Anhängerschaft nach der Trennung von den Kommunisten erheblich.

Im Nordkönigreich Yatenga entsteht eine weitere antitraditionelle Mossipartei, die MDV (Mouvement Démocratique Voltaique) inspiriert vom französischen Offizier Michel Dorange lassen die „Dorangisten“ die traditionelle Chefs zittern. Viele ehemalige afrikanische Soldaten der französischen Armee (anciens combattants), die in Yatenga besonders zahlreich sind, unterstützen die MDV. Zusammen mit der PDV/RDA bestehen nun zwei Antitraditions -Parteien und bieten der UV die Stirn.

 

Entscheidungen

 

1956 wird das Jahr der Entscheidungen. Marokko und Tunesien erhalten als traditionelle Monarchien ihre Unabhängigkeit.

Das berühmte „Loi-cadre Gaston Deferre“ vom 23. Juni 1956 legt die allgemeine Wahl von Territorialversammlungen in jeder einzelnen Kolonie fest, ein verantwortlicher Regierungsrat übernimmt die Verwaltung, gelenkt vom Gouverneur und einem einheimischen Vizepräsidenten, de facto einem Ministerpräsidenten.

Jetzt konzentriert sich das politische Geschehen auf die „nationale“ Szene. Im September schließen sich RDA (Coulibali) und PSEMA (Conombo) zusammen, die neue PDU (Parti Democratique Unifié) gewinnt die Kommunalwahl am 18.November in Bobo und Ouaga, unterstützt vom Mogho Naaba!

Die RDA inzwischen antikommunistisch und nicht mehr so sehr gegen die traditionelle Ordnung eingestellt, hat sich der Kolonialmacht angenähert und empfiehlt sich auch in den anderen Territorien des AOF als Partner der Franzosen.

Am 31. März 1957 wird die erste Territorialversammlung mit 70 Abgeordneten unter dem Loi-cadre gewählt, die PDU erhält 37 Sitze, die MDV 26, und die MPEA 5, 2 Sitze fallen an unabhängige Kandidaten, Präsident der TV wird der Arzt Yalgado Ouédraogo (MDV).

Die erste Regierung wird am 14. Mai 1957 vorgestellt und ist eine Koalition aus 7 PDU und 5 MDV Ministern, sie wird als anti-traditionell verstanden, Daniel Ouezzin Coulibali ist ihr Chef.

Bereits im September kommt es zur Krise, als Coulibali versucht, die PDU als Regionalgruppe der RDA zu etablieren. Eine große Gruppe Abgeordneter - ehemalige PSEMA Anhänger – unter Joseph Conombo verlässt die Regierungsmehrheit. Sie bildet mit MPEA und MDV die neue GSV (Groupe de Solidarité Voltaique) die mit 38 Parlamentssitzen

nun die Mehrheit hält. Nach dem Unfalltod des Präsidenten der TV Yalgado Ouédraogo wählt die neue Mehrheit Nazi Boni zum Nachfolger. Sie stellen einen Misstrauensantrag gegen die Regierung, Coulibali weigert sich aber zurückzutreten.

In diesen turbulenten Zeiten stirbt nun am 12. Dezember der weise Naaba Sagha und hinterlässt eine schmerzliche Lücke im politischen Leben.

Die neue Mehrheit ist nur von kurzer Dauer. Der bis dahin wenig bekannte Maurice Yaméogo tritt mit seinem Cousin Denis Yaméogo, dem Libanesen Nader Attié und einem weiteren MDV Abgeordneten zur PDU über.

Erneut von der Mehrheit getragen bildet Coulibali seine Regierung um, er entlässt vier MDV Minister, der fünfte, Maurice Yaméogo, nun Mitglied von PDU/RDA, wird Innenminister und damit zweiter Mann in der Regierung.

 

Die Frage der Föderation

 

Die Einheit Obervoltas, des neuen Staates, der sich bereits abzeichnet, bildet sich um die Partei PDU/RDA und gegen die Traditionalisten der PSEMA, die Regionalisten der MPEA im Westen und die radikal anti-traditionelle MDV von Michel Dorange und Gerard Kango Ouédraogo aus Ouahigouya.

Damit verbunden ist auch die Ausrichtung auf Abidjan, wo ebenfalls die RDA regiert und gegen Dakar, wo Senghor mit der PRA für eine große afrikanische Föderation wirbt.

Alle Oppositionsparteien in Obervolta schließen sich aus Ärger über die RDA der PRA an und vertreten nun die Linie Senghors.

 

Die große Frage 1958 ist die Frage der Föderation.

Nkrumah hat Ghana in die Unabhängigkeit geführt und redet unablässig von der afrikanischen Einheit. Wird AOF als Föderation weiterbestehen oder in seine Territorien zerfallen?

Die Hauptstadt Dakar ist für die Föderation, die starken Parteien in den Einzelterritorien eher dagegen. Die Kolonialmacht positioniert sich zunächst nicht, kann aber der Versuchung eines „Teile und Herrsche“ dann doch nicht widerstehen.

 

Die Republik

 

Todesfälle spielen in entscheidenden Situationen der voltaischen Politik eine obskure Rolle.

Am 26. Juli 1958 erhalten die Institutionen neue Namen: der Gouverneur wird zum Hochkommissar, der Vizepräsident des Regierungsrates wird zum Präsidenten. Präsident Daniel Ouezzin Coulibali jedoch erkrankt schwer, am 28. Juli bereits übernimmt Innenminister Yaméogo die Leitung der Regierung, Coulibali wird in Paris behandelt.

Am 7. September stirbt er im Krankenhaus St. Antoine in Paris.

 

Inzwischen hat General de Gaulle in Frankreich die Regierungsgeschäfte übernommen, der Algerienkrieg dauert an, die Forderung nach Unabhängigkeit in de einzelnen Kolonien in Afrika wird drängender. Nach einem feindseligen Empfang de Gaulles in Guinea, wo er für die Zustimmung der Afrikaner zur neuen Verfassung der Communauté Francaise wirbt, lässt er in allen Territorien das Referendum organisieren.

Am 28. September heißt es „ Ja“ oder „Nein“ auf die Frage: „Wollen Sie der Communauté Francaise angehören?“

Einzig Guinea sagt „Nein“ und am 2. Oktober 1958 ist Sékou Touré Präsident eines unabhängigen Staates. Die Franzosen ziehen ab und nehmen alles mit, was sie einpacken können.

Obervolta sagt auf Empfehlung alle Parteien „Ja“ (1.308298 von 1.330.024 Stimmen). Aber wie geht es nun weiter?

Am 15. Oktober fordert der junge neue Mogho Naaba Kougri die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, er möchte natürlich seine Vertrauten der PSEMA an der Macht beteiligt sehen und träumt vielleicht auch von einem unabhängigen Obervolta mit sich selbst als Staatsoberhaupt, am 17. Oktober lässt er seine traditionelle Armee vor dem Parlament aufmarschieren. Nach dem Abzug der bedrohlichen Kämpfer formiert sich die Einheit der Parlamentarier, – aber gegen den Mogho Naaba.

Am 21. Oktober wählen sie Maurice Yaméogo zum Regierungschef und Nachfolger Coulibalis, er bildet eine reine PDU/RDA Regierung.

Im Einvernehmen mit Frankreich und analog zu den anderen Territorien im französischen Afrika proklamiert der Regierungschef am 11. Dezember 1958 die Republik Obervolta.

Aus der Kolonie ist ein Staat in der Communauté Francaise geworden.

 

Am 17. Januar 1959 reist Yaméogo nach Dakar und unterschreibt dort den Beitritt zur Föderation Mali! Am 28. Januar ratifiziert das Parlament in Ouagadougou die Verfassung der Föderation! Mitte Februar übernimmt ein neuer Hochkommissar das Amt in Ouagadougou. Am 28. Februar verabschiedet das Parlament die Verfassung von Obervolta – die Republik tritt als Einzelstaat der Communauté Francaise bei – kein Wort mehr über die Föderation Mali!

 

Druck aus Frankreich und der Elfenbeinküste, aber auch innerer Widerstand sowohl von den Mossi-Traditionalisten, die ihren Staat nicht nach gut 10 Jahren schon wieder verlieren wollten, als auch von den katholischen Modernisten, die eine islamische Übermacht in der Föderation fürchteten, können zusammen einen Anschluss an die Föderation verhindern, deren kurze Existenz (1959 bis 1960) damals niemand absehen kann.

 

Neuwahlen der nun 75 Parlamentssitze am 19. April 1959, zu denen die Wahlbezirke von der Regierung neu zugeschnitten werden, ergeben 64 Sitze für die RDA, 7 für die PRA und 4 für die MDV. Der kurze versuch der RDA Abgeordneten, Christophe Kalenzaga, den nominellen RDA Vorsitzenden, zum neuen Regierungschef zu wählen, wird von Maurice Yaméogo mit der Drohung von Neuwahlen wegen Unregelmäßigkeiten gekontert – er setzt sich durch und wird am 25. April erneut zum Regierungschef gewählt. Fast alle Oppositionsabgeordneten schließen sich in kurzer Zeit dem RDA an.

 

Nur Nazi Boni lässt sich nicht überreden und kämpft allein weiter.

 

Ein Jahr nach Gründung der Republik wird am 11. Dezember 1959 per Gesetz der Regierungschef zum Staatschef, die Gesetzgebende Versammlung wird zur Nationalversammlung und die Republik bekommt Hymne, Flagge und Wappen.

 

Im Einvernehmen mit Frankreich erreicht die Republik Obervolta am 5. August 1960 als eines der letzten Gebiete des ehemaligen AOF die staatliche Unabhängigkeit.

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