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Titel

Sankara4Der 15. Oktober 2007: Feiern oder trauern?

Ein Erfahrungsbericht aus Ouagadougou

Feiern, aber was?

Unbestreitbar ist der 15. Oktober für die Bevölkerung Burkina Fasos ein bedeutendes Datum. Jedes Jahr wird dieser Tag besonders begangen, aber in diesem Jahr erhielt er noch eine zusätzliche Dimension: 15. Oktober 1987 - 15. Oktober 2007: 20 Jahre, aber was?

Für den einen Teil der Bevölkerung ist der 15. Oktober der Tag der Ermordung Thomas Sankaras, jenes charismatischen, jungen Staatspräsidenten, der, in nur 4 Jahren, das Land tiefgreifend geprägt hat, und der, an jenem 15. Oktober 1987, unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen, aber unter unbestreitbarer Beteiligung seines engsten Weggefährten, des heutigen Staatspräsidenten Blaise Compaoré, ums Leben kam.

Für den anderen Teil der Bevölkerung ist der 15. Oktober jener Tag, an dem der Herrschaft des unbeliebten Diktators Thomas Sankara durch das beherzte Eingreifen von Blaise Compaoré ein Ende gesetzt und das Land wieder auf den Weg der Demokratie zurückgeführt wurde.

Die Zeitung "Observateur Paalga" hat dieses Dilemma auf den Punkt gebracht, indem sie am 15. Oktober 2007 mit zwei Titelseiten erschien: Einer, auf der der "20 Jahrestag der Ermordung Thomas Sankaras" als Aufmacher diente und einer, die dem "20. Jahrestag der Wiedergeburt der Demokratie" gewidmet war. Je nachdem, wie herum man die Zeitung hielt, wurde jeweils die eine oder die andere Seite zur Titel- oder Schlussseite der Ausgabe.

Die Formel von dem "20. Jahrestag der Wiedergeburt der Demokratie" war von der Regierungspartei gefunden worden, um dem Gedenktag einen positiven Anstrich zu geben. Denn man konnte das Ereignis wohl schlecht als das bezeichnen, was es in erster Linie war: dem, jenseits aller Polemik um die Person Sankaras, blutigsten Staatstreich, den das an diesen Ereignissen beileibe nicht arme Land bis dahin gesehen hatte.

Es war der prominenteste Menschenrechtler Burkina Fasos, der am lautesten und an prominentester Stelle auf das Unstimmige der offiziellen Interpretation hinwies: Alidou Ouédraogo führte am 15. Oktober in einem Interview im französischen Auslandssender rfi aus, dass der 15. Oktober 1987 entweder als Tag der Ermordung Thomas Sankaras oder als Tag der Machtübernahme Blaise Compaorés gesehen werden kann, keinesfalls aber als der Tag, an dem die Demokratie in Burkina Faso wieder hergestellt worden sei. Denn das Regime Blaise Compaorés war in seinen Anfängen alles andere als demokratisch: erst 1991 wurden - weitgehend auf Druck der internationalen Gemeinschaft - konkurrierende Parteien wieder zugelassen und es kam zu den ersten Wahlen. Die burkinische "Demokratie" hat an jenem 15. Oktober 2007 also keinesfalls ihren 20. Geburtstag gefeiert, diese Feiern stehen dem Land, je nach Lesart und wenn überhaupt, erst für 2011 bevor.

Feiern, aber wie?

Während der sankaristische Teil des Landes es leicht hatte, Art und Weise seiner Feiern festzulegen, tat sich das Regierungslager umso schwerer. Das Dilemma der Anhänger Blaise Compaorés ließ sich auf mehreren Ebenen feststellen: hinsichtlich der Form der eigenen Feiern ebenso wie hinsichtlich der Frage, in welcher Art und Weise man auf die Feiern des Gegenlagers reagieren würde. Ließe die Regierung Blaise Compaorés die Sankaristen ungestört, würden diese die Interpretationshoheit über diesen umstrittenen Tag gewinnen und gleichzeitig einen bedeutenden Publicityeffekt für die eigene, politische, Sache erzielen, versuchte sie aber, die Aktivitäten der Sankaristen zu unterbinden oder auch nur zu stören, könnten jene das wiederum als Werbung gegen das Regime verwenden, dass sich durch eine solche Maßnahme wiederum von seiner diktatorischen Seite zeigen würde.

Die Sankaristen haben denn nun auch versucht, im Vorfeld des Gedenktages diese zweite Lesart einzusetzen: Ihre Schwierigkeiten, einen angemessenen Ort für die Gedenkveranstaltungen zu finden, wurden dem Regime zugeschrieben. Dieses habe systematisch jeden Saal angemietet, an dem die Sankaristen Interesse gezeigt hätten. Ob dem tatsächlich so wahr, kann angezweifelt werden (war die internationale Tagung des Transporteurgewerbes, die um den 15. Oktober herum im Kongresszentrum CBC stattfand, wirklich nur deswegen zu diesem Zeitpunkt dort angesiedelt worden, damit die Sankaristen den Saal nicht mieten konnten?), aber es ist zu vermuten, dass allein schon der Verdacht das Regime zur Vorsicht zwang. Denn die internationalen Medien (allen voran wieder rfi) stürzten sich mit Wonne auf jeden derartigen Vorwurf, mit dem die Unterdrückung der Opposition in Burkina hätte untermauert werden können.

Das Regime stand aber auch vor dem Dilemma, wie es denn nun selbst den Tag eigentlich begehen wollte: die Konstruktion des "20. Jahrestags der Wiedergeburt der Demokratie" stand zu offensichtlich auf wackeligen Füssen, um zu stark eingesetzt werden zu können, ein zu triumphales Feiern der Machtübernahme hätte Blaise Compaoré unzweifelbar dem Vorwurf ausgesetzt, auf dem Grabe seines Weggefährten zu tanzen. Ein Totschweigen des Tages war aber auch nicht möglich: wiederum hätte man den Sankaristen die Interpretationshoheit über den Tag überlassen und gleichzeitig den Eindruck vermittelt, sich, durch ein schlechtes Gewissen belastet, zu verkriechen.

Feiertag oder nicht?

Diese ganzen theoretischen Überlegungen fanden ihren konkreten Ausdruck in der Frage, ob man denn nun den 15. Oktober zum Feiertag deklarieren sollte oder nicht. Aber wiederum: Feiertag für was? Den Tod Sankaras oder die Machtübernahme Compaorés?

Eine glückliche Übereinstimmung der Daten hätte das Regime aus diesem Dilemma befreien können: bis zum allerletzten Tag war nicht klar, ob das Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan am 12., am 13. oder am 14. Oktober gefeiert werden würde. Und tatsächlich gab es Regionen in der islamischen Welt, in denen das Fest erst am 14. stattfand. Wäre dies in Burkina der Fall gewesen, wäre der darauffolgende Montag, der 15. also, automatisch frei gewesen. Es ist nicht bekannt, ob das Regime versucht hat, mit der islamischen Gemeinschaft zu verhandeln (die Festlegung der an den Stand des Mondes gekoppelten Feste ist innerhalb eines gewissen Rahmens immer Interpretationssache), tatsächlich wurde der Ramadan dann aber in einigen Teilen Burkinas am 12. (Bekanntgabe am 11. nach 20 Uhr), in einigen anderen am 13. gefeiert. Die Bevölkerung wartete nun also am Sonntag Abend, ob der Montag zum Feiertag erklärt werden würde, aber nichts geschah.

Die tatsächlichen Ereignisse

Schlussendlich hielten die Sankaristen ihren Kongress zu "20 Jahre Ermordung Thomas Sankaras" im Atelier du Théatre Burkinabé (ATB) ab, Sondernummern verschiedenster Zeitungen (z.B. Evenement, bendre) erschienen, die internationalen Medien (v.a. rfi, Jeune Afrique) berichteten. Der größte Publicityerfolg war aber das erstmalige Erscheinen der Witwe Sankaras, Mariam, nach 20-jährigem Exil. Ihre Ankunft am Flughafen wurde zu einem Bad in der Menge, ihr Erscheinen am Grab ihres Mannes verlieh der - jährlich stattfindenden und ein wenig angestaubten - Zeremonie ein ganz neues Gewicht, die Medien rissen sich darum, ihre Worte wiedergeben zu können. Insgesamt wurde Mariam Sankara als die neue Führungsfigur der zersplitterten sankaristischen Parteien hochgelobt - wobei allgemein übersehen wurde, dass ihren Aussagen eine wirklich politische Botschaft fehlte und sie sich in erster Linie um die juristische Untersuchung zum Tode ihres Mannes (und damit um die eigenen Entschädigungsansprüche) drehten.

Das Verhalten der Regierung blieb seltsam uneindeutig: es fanden große, pompöse Zeremonien statt, über die aber nicht berichtet wurde. Weder, wie eigentlich üblich, in Form von Vorab-Werbung, noch im Anschluss. Die gebildeteren Teile der Bevölkerung, die Ministerialangestellten, Lehrer und andere Beamten, waren in die Feierlichkeiten nicht einbezogen. Aber es gab große Werbetafeln (die eher an solche einer Versicherungsgesellschaft erinnerten) und am 15. Oktober liefen große Teile der einfachen Bevölkerung, vor allem die in verschiedenen Frauenvereinigungen zusammengeschlossenen Frauen, in brandneuen "Blaise Compaorés"-T-Shirts herum (die seitdem im Straßenbild nicht weiterhin aufgetaucht sind), Busse waren an Knotenpunkten zu sehen, mit denen offensichtlich Militanten der Regierungspartei aus den Provinzen in die Hauptstadt verfrachtet worden waren. Gerüchte über enorme Summen, die zur Ausrichtung der Feiern aufgewendet worden seien, machten die Runde - aber, um es noch mal zu wiederholen: keinerlei mediale Aufbereitung des Ereignisses. Ich selbst habe einen großen Aufmarsch auf dem "Place de la Nation" (dem ehemaligen "Place de Révolution") gesehen, aber über diesen, wie über eventuell weitere, stattgefunden habende Veranstaltungen wurde in keinem Medium - auch nicht in denen des Staates - berichtet.

Und die Bevölkerung? Ging man nun zur Arbeit oder nicht? Diese Frage stellte sich wieder in erster Linie für die gebildeteren Kreise und hier vor allem für die Beamten. Den Regierungsanhängern war die Frage abgenommen (da die Regierung beschlossen hatte, nicht zu feiern), hier standen nun aber die tendenziellen Sankaristen vor einem Dilemma. Eigentlich wollte man an diesem Tag nicht arbeiten, man wollte - je nach Temperament - seiner Trauer oder auch seiner Wut Ausdruck verleihen. Andererseits wollte und konnte man sich auch nicht offen gegen seinen Arbeitgeber, den Staat, stellen. Also verhielt man sich genauso uneindeutig wie dieser Staat selbst: man war in "wichtigen Angelegenheiten" unterwegs, "zufällig gerade nicht im Büro" oder irgendwie "nicht greifbar". Jeder beging diesen besonderen Tag, diesen 15. Oktober 2007 auf seine eigene Art und Weise - und damit wurde das Begehen dieses Tages zum Spiegelbild der burkinischen Demokratie und Gesellschaft überhaupt: Unterschwellig offen, unterschwellig tolerant, aber bitte nicht zu demonstrativ oder gar provokant.

Damit könnte die Geschichte zu Ende sein, ist sie aber nicht: Es herrscht weiterhin eine tendenzielle Spannung in der Stadt. Befürchtet wird, dass das, was sich am 15. Oktober nicht entladen hat, sich in der Zeit um die nächsten beiden "Feiertage" herum entladen könnte: Dem "offiziellen", dem 11. Dezember, dem Nationalfeiertag, und dem "inoffiziellen", dem 13. Dezember, dem Jahrestag der Ermordung des Journalisten Norbert Zongo. Das Regime scheint entschlossen, den offiziellen dieser Tage in diesem Jahr besonders großartig zu begehen. Ob aber die enormen Zahlen, die gerade über die Kosten der Feiern die Runde machen (500 Mio. CFA = rund 700.000 €) der Realität entsprechen oder nicht vielmehr von der Opposition in die Welt gesetzt wurden, um das Feld für vom Volk getragene Unruhen vorzubereiten, ist nicht zu klären. Ouagadougou lebt - 20 Jahre nach dem Tod Thomas Sankaras und 9 Jahre nach der Ermordung Norbert Zongos - in bewegten Zeiten.

 

Ouagadougou, der 24.11.2007 Andrea Reikat

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