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Titel

THEMA BAUMWOLLE

Pestizide in rauen Mengen

 Aus: Le Monde diplomatique Nr. 8810, 13.2.2009, von Françoise Gérard, Journalistin in Ouagadougou

 Nun ist aber nichts so ungewiss wie der „durchschnittliche Ertrag“ in einem Land mit äußerst wechselhaften Niederschlägen. Wenn es nicht regnet, müssen die Bauern bis zu zwei- oder dreimal hintereinander aussäen. Solange das Saatgut billig ist, bedeutet das nur mehr Arbeit. Wenn aber die GVO-Saatgutlizenzen hinzukommen, wird es wesentlich teurer. Außerdem hat sich gezeigt, dass die genmanipulierte Wunderpflanze besonders empfindlich auf Dürre reagiert und während des Wachstums eingehen kann. Bei einem von EU-Vertretern moderierten Workshop legte man den Baumwollproduzenten nahe, sich „für alle Fälle“ mit ausreichend Schädlingsbekämpfungsmitteln zu bevorraten. Demnach scheint es alles andere als sicher zu sein, dass am Ende weniger Chemie gebraucht wird. weitere Szenarien sind denkbar: Das Heranwachsen genresistenter Raupenstämme innerhalb der nächsten vier bis fünf Jahre und das vermehrte Auftreten nicht zu bekämpfender sekundärer Schädlinge – Probleme, die in den USA und Indien bereits aufgetreten sind. Und als der Internationale Beratende Baumwollausschuss (CCIC)7 vom 17. bis 21. November 2008 in Ouagadougou tagte, wurde interessanterweise zwar über den spektakulären Erfolg der Bt- Baumwolle in Indien berichtet – regelmäßige Ertragssteigerungen in den letzten sechs Jahren –, doch kein Wort über die Selbstmordwelle unter den Kleinerzeugern verloren. Ihnen hatte man hohe Ertragschancen vor­ gegaukelt; die wesentlich geringer ausfallenden Ernten hatten tatsächlich viele in den Ruin getrieben(8).

Über eine mögliche Kostenreduzierung lässt sich nur spekulieren, solange sich Monsanto über die Höhe der Saatgutlizenzen ausschweigt, die künftig neben Düngemitteln und Herbiziden bezahlt werden müssen. Selbst wenn man von höheren Erträgen ausgeht (9), wird die Gewinnsteigerung kaum die Mehrkosten ausgleichen können.

Das Argument, das für die Baumwollproduzenten am meisten zählt, bleibt die von Monsanto in Aussicht gestellte Verminderung des Einsatzes von Pestiziden. Das ist nachvollziehbar, denn während der Ausbringung von Pestiziden übernachten die Bauern oft mit ihrer ganzen Familie auf dem Feld und sind daher den Giftstoffen unmittelbar ausgesetzt.

Dabei gäbe es eine gesunde Alternative: ein natürliches Insektizid, das aus dem in Westafrika weit verbreiteten Neembaum gewonnen werden kann. Um den Wirkstoff zu isolieren, ist lediglich ein einfaches technisches Verfahren erforderlich, wie Versuche der Malischen Gesellschaft für Textilentwicklung auf Baumwollfeldern in Mali gezeigt haben.

Auch die Welternährungsorganisation FAO hat 2001 ein Projekt im Rahmen der „Förderung des Integrierten Pflanzenschutzes“ (IPM) gestartet, das den Einsatz von Pestiziden deutlich vermindern oder gänzlich vermeiden helfen sollte. Dieses IPM-Projekt ist allerdings über das Stadium von Pilotversuchen nie hinausgekommen. Außerdem, das erzählt der Baumwollproduzent Yezuma Do, führe sich die Nationale Union der Baumwollproduzenten bei den Bauern auf wie eine Miliz. „Sie steht auf der Seite der Sofitex, die uns die Düngemittel und Insektizide aufzwingt. Wir haben keine Chance, uns dagegen zu wehren.“

Eine Alternative zum GVO-Anbau ist zum Beispiel die biologische und fair gehandelte Baumwolle der privaten Entwicklungsorganisation Helvetas. In Mali hat Helvetas im Jahr 2002, in Burkina Faso 2004 mit dem Anbau begonnen. Kein Chemieeinsatz, kostenlose organische Düngung, beste Erntequalität. Der Boden wird nicht ausgelaugt, sondern kann sich regenerieren. Die Erzeuger erhalten 328 Francs CFA (0,50 Euro) pro Kilogramm Baumwolle gegenüber 165 Francs CFA (0,25 Euro) beim konventionellen Anbau.

   Rund 5 000 burkinische Kleinproduzenten auf 7 000 Hektar Fläche in den drei Regionen West, Mitte und Ost gehören bereits zum Helvetas-Netzwerk. Doch Monsanto und die hinter dem Konzern stehenden internationalen Finanzinstitutionen behindern das Projekt mit allen Mitteln. Und dann gibt es noch ein sehr banales Transportproblem: Für die Ausbringung des organischen Düngers werden Esel und Karren benötigt. Die wenigsten Bauern besitzen diese Hilfsmittel.

Bei Helvetas-Burkina zuständig für den Bereich Baumwolle, erklärt: „Hier hat der GVO-Anbau keine Zukunft. Erstens wegen des Klimas. Und zweitens, weil die Kleinbauern die Auflagen niemals erfüllen können. Sie müssen zunächst einmal ihre Familien satt kriegen. Dann erst kommt die Baumwolle. Das ist nicht wie in den USA mit ihren Monokulturen, so weit das Auge reicht.“ Dass der GVO- Anbau so massiv vorangetrieben wird, kann allerdings nicht allein den multinationalen Konzernen in die Schuhe geschoben werden, sondern hat auch mit der Gier einer privilegierten Klasse zu tun, die in Kauf nimmt, dass ihr eigenes Land ruiniert wird.

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