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Titel

Das Land der fliegenden Masken

Christopher D. Roy, Thomas G.B. Weelock: “Land of the flying Masks”, 

Art and Culture in Burkina Faso. Prestel Verlag, Königinstr. 9, 80539 München. www.prestl.de

Buch_Vorderseite_webDies ist das Vorwort: „Für jeden Liebhaber Afrikas und besonders der afrikanischen Kunst ist es selbstverständlich, respektvoll über die Ethnien und Kulturen Afrikas zu sprechen, deren kreative Kraft unzählige Meisterwerke hervorgebracht hat. Burkina Faso wird dabei oft nicht so gewürdigt, wie es den dort lebenden Menschen und ihrer atemberaubenden Kunst gerecht wird. Wir kennen die großartigen Skulpturen der Lobi seit der Ausstellung im Museum Rietberg, eine weltberühmte Maske der Tussian aus einem Genfer Privatmuseum zierte 1984 den Katalog der berühmten Primitivismus-Ausstellung in New York von William Rubin, eine einzelne herausragende Skulptur der Nuna vertritt fast alleine die Kunst Burkina Fasos in der Ausstellung afrikanischer Kunst des Louvre und in den einschlägigen Spezialpublikationen zu afrikanischen Masken oder Skulpturen sind es oft die drei oder vier gleichen Typen bzw. sogar identische Objekte, die als Referenz für die Qualität der Kunst Burkina Fasos herangezogen werden. Neben diesen bekannten "Ikonen" müssen sich die vielen anderen, noch nicht gewürdigten Stücke durchsetzen.

Die Sammlung von Thomas Wheelock wird sicherlich in diese Richtung wirken. Als ich vor einigen Jahren seine Sammlung in New York sehen durfte, war ich nicht nur sprachlos von der Fülle hochkarätiger Objekte, sondern auch fasziniert mit welcher Leidenschaft und mit welcher Sachkenntnis er von jedem einzelnen Stück eine spannende Geschichte der Objektbiographie erzählen konnte. Der erste Kontakt mit Afrika und mit der afrikanischen Kunst begann für ihn 1972 während einer abenteuerlichen Reise durch die Sahara bis nach Burkina Faso, über die er in seiner Einführung sehr anschaulich und offen berichtet. Aus dieser Erfahrung heraus bestimmte eine Karriere als Händler afrikanischer Kunst sein weiteres Leben, aber noch mehr glaube ich, war es seine Bestimmung als besessener Sammler. Welch ein Glücksfall ist es, die Sammlung Wheelock und andere dazu genommene Objekte aus Burkina Faso jetzt in einem so umfassenden, prächtigen Katalog zu finden, zu dem es zur Zeit nichts Vergleichbares gibt. Die großartige Leistung, die Christopher Roy mit seinem unentbehrlichen Standardwerk der "Art of the upper Volter Rivers" vollbracht hat, wird hier ideal fortgesetzt.

Burkina Faso ist ein aufregendes Land mit einer faszinierenden Bevölkerung. In ethnischer und sprachlicher Hinsicht zeigt es sich sehr heterogen: Über 60 Ethnien definieren sich als eigenständige Bevölkerungsgruppen und ebenso viele verschiedene Sprachen werden gesprochen. Das Land liegt wie ein Ruhepol zwischen Ländern, in denen politische und soziale Entwicklungen in falsche oder sogar katastrophale Richtungen laufen, wie etwa zur Zeit in der Elfenbeinküste. Auch in Burkina Faso, dem früheren Obervolta, gab es Staatsstreiche, Revolten und politische Morde. Auch hier wich der beschworene Weg zu Demokratie und Freiheit einer militärischen Diktatur - aber nie eskalierte dies zu wirklichen bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die Zeit eines Thomas Sankara, der 1983 einen ganz neuen Weg für das Land gegen die immer größer werdende Kluft zwischen armer Landbevölkerung und einer winzig kleinen, äußerst wohlhabenden herrschenden Oberschicht einschlagen wollte, war nur kurz. Er wurde bei einem blutigen Putsch ermordet. Das darauf folgende Militärregime verstand es, einen gemäßigten, der Weltbank genehmen Weg mit Elementen vermeintlicher oder tatsächlicher Demokratisierung zu gehen, der international anerkannt wird. Vielleicht wird der Terminus "Militärdemokratie" oder "Demokratur" der heutigen Regierung unter Präsident Blaise Compaoré am besten gerecht.

Ein Blick auf die Geschichte dieser Region Westafrikas zeigt, welche Dynamik bis zur französischen Kolonialzeit, welche die Menschen als schlimmste Phase ihrer Geschichte empfinden, hier lang anhaltend wirkte. Sie endete nach über 60 Jahren 1960 in der Unabhängigkeit der Republik Obervolta. Diese Zeitspanne der kolonialen Bevormundung gilt bei den Burkinern (d.h. den aufrechten Menschen) bis heute als negativ besetzt. Hier erfolgte massiver Widerstand vieler Menschen gegen Zwangsarbeit, Zwangsrekrutierung in die französische Armee und gegen rassistische Diskriminierung.

Die gravierende Zäsur für die Ethnien und Kulturen im südwestlichen Teil des Landes begann schon früher. Die Eskalation gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen den Reiterhorden und Truppen des muslimischen Fanatikers Samori Touré in der heutigen Elfenbeinküste, den alteingesessenen, rein bäuerlichen Bewohnern der Region und den konsequent in dieses Gebiet vorrückenden französischen Kolonialtruppen führte mit bis dahin nicht gekannter Härte und ohne Rücksicht auf bestehende gesellschaftliche, wirtschaftliche oder religiös/rituelle Strukturen zur Zerschlagung des gesamten Südwestens des heutigen Staatsgebietes von Burkina Faso und des Nordens der heutigen Elfenbeinküste. Das Aufeinandertreffen von grundsätzlich nicht kompatiblen Ideologien - bei gleichem Bestreben die territoriale Vorherrschaft zu gewinnen - löste das tribalistische System lokaler Kleinherrschaften vollständig auf und führte zu massiver Vermischung und Akkulturation der überlebenden Gesellschaften. Bei meinen eigenen Forschungen 1988 bis 1992 über die Geschichte der Bobo von Koumi in der Nähe von Bobo-Dioulasso fand ich viele Bezüge innerhalb des Maskenwesens und der Wahrsagetechniken, die von den Bobo selbst von den verschiedensten, früher auch zahlenmäßig starken Ethnien des Südens übernommen worden waren wie den Tussyan, Tyéfo, Gouin oder Karaboro. Überzeugend wird dies auch durch die linguistischen Befunde bestätigt, die im Rahmen langjähriger Forschungsprojekte an den Universitäten in Frankfurt a. M. und Bayreuth erhoben wurden.

Eine weitere Region im heutigen Burkina Faso, die der Mossi, ist im Vergleich zu anderen Gebieten geschichtlich gut dokumentiert. Auf den weiten fruchtbaren Plateaus an den Volta-Flüssen lebten wahrscheinlich seit eh und je bäuerliche Bevölkerungsgruppen (es ist nach wie vor ein großes Desiderat der archäologischen Forschung in dieser Hinsicht historische Tiefe nachzuweisen). Diese nicht weiter politisch und sozial organisierten Gruppen wurden etwa ab dem späten 15. Jahrhundert von berittenen Verbänden - wahrscheinlich aus dem Süden, dem heutigen Ghana - unterworfen, verdrängt oder in die entstehenden neuen Königtümer integriert. Daraus gingen die Königtümer der Mossi hervor. Bis heute bilden die Mossi die größte Ethnie Burkinas. Ihre mündlichen Überlieferungen berichten beinahe lückenlos über die Herrscherdynastien - eine Geschichtskenntnis, die beispielsweise begeistert vom deutschen Afrikaforscher Leo Frobenius 1908 bei seinen Reisen durch dieses Gebiet bemerkt und genau aufgeschrieben wurde. (Leo Frobenius: Histoire et Contes des Mossi. Sonderschriften des Frobenius-Instituts 3. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1986)

Der Einfluss der Mossi prägte die Entwicklung des gesamten Volta-Gebietes. Die Expansion berührte nach Osten das Territorium der Gulmance, im Westen das der Gurunsi-Gruppen, die sich politisch auch in kleineren zentral organisierten Königs- oder Häuptlingstümern dem System der Mossi anpassten. Die weiter im Westen oder im Süden gelegenen Bevölkerungen wie die Bwaba, die Bobo oder die Lobi galten als sogenannte akephale oder segmentäre Gesellschaften ohne eine zentrale oder hierarchische Machtinstitution. Bestimmte Kulte und Riten wurden sicherlich übernommen, kopiert oder in Teilen adadptiert, was in manchen formalen Ähnlichkeiten von Masken, Skulpturen, Ritualgegenständen aber auch in Gebrauchsobjekten zu erahnen ist.

Masken und Skulpturen können wir in ihrer Bedeutung nur verstehen, wenn sie in ihrem kulturellen Kontext gesehen werden. Es gibt keine solchen Objekte, die in Afrika nach unserem Verständnis einer "L'Art pour L'Art" entstanden sind. Die meisten Bevölkerungsgruppen in Burkina Faso praktizieren Naturreligionen, die nie wirklich von den christlichen Religionen oder dem Islam flächendeckend verdrängt werden konnten. Der aktuelle Trend zeigt allerdings eine intensive islamische Missionierungswelle, die spürbarer in die traditionellen religiösen Strukturen eingreift und sie verändert als in den letzten hundert Jahren. Christopher Roy behandelt diesen Aspekt in seinem Buch sehr differenziert.

Vor allem die Masken spielen in rituellen Handlungen eine unabdingbare, aktive Rolle. Ich kann dasBuck_Rueckseite_web hier nur sehr verallgemeinernd ansprechen, aber die grundlegenden Bedingungen für das Vorkommen von Masken und Skulpturen sind überregional ähnlich: Nach der Erschaffung der Welt durch einen Schöpfergott verlieren die Menschen ihren durch einen ersten Tabubruch oder ein Normvergehen ihr sorgloses Dasein und müssen auf der unwirtlichen Erde mit den Gefahren der Wildnis fertig werden und um ihr Überleben hart kämpfen. Um die Menschen jedoch nicht völlig zu überfordern oder gar dem existentiellen Untergang preiszugeben, stellte der Schöpfergott ihnen Hilfe in Form unterschiedlichster Wesen zur Seite, die den Menschen unter anderem auch in Gestalt der Masken oder bestimmter Skulpturen begegnen. Diese Wesen begleiten die Menschen innerhalb ihrer Gesellschaft bei allen möglichen Anlässen, beispielsweise bei der Initiation, bei der die jeweils jüngste Generation den Status von erwachsenen, vollwertigen Mitgliedern der Gemeinschaft bekommt und dabei mit den wichtigsten Regeln des gesellschaftlichen und rituellen Lebens vertraut gemacht wird. Auch das Geheimnis der Masken und Skulpturen wird hier vermittelt. Masken begleiten einen Verstorbenen in vielen Gesellschaften in die Totenwelt, häufig üben sie die Exekutive bei Rechtsstreitigkeiten aus, sie symbolisieren fruchtbarkeitsbringende Kräfte bei agrarischen Riten zur Aussaat oder Erntezeit und manchmal dienen sie einfach der Unterhaltung.

Im Umfeld der höfischen Strukturen - wie bei den Mossi - entstanden auch ganz andere Typen von Ritualobjekten. Skulpturen können hier auch wichtige verstorbene Persönlichkeiten verkörpern und sind in diesem Sinne wirkliche Ahnenfiguren. Spezialisierte, professionelle Handwerker bedienen hier Auftraggeber, die repräsentative, statusreiche Objekte benötigen, welche dem jeweiligen sozialen Rang entsprechen. Neben ihrem Gebrauchswert sollen sie auch "schön" sein, wie etwa bei der Kleidung, der Keramik, der Flechterei, den Gelbguß- und schmiedeeisernen Objekten oder den reich dekorierten Kalebassen zu sehen ist.

Prof. Dr. Klaus Schneider - Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde, Köln

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