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Titel

THEMA BAUMWOLLE

Labor Afrika

Françoise Gérard – in Ouagadougou arbeitende Journalistin – geht mit der Gentechnik hart ins Gericht. In „LeMonde diplomatique“ erschien ihr Bericht unter der Überschrift „Testgelände für Monsanto – Burkina Faso hat gegen den Willen der Baumwollproduzenten genmanipuliertes Saatgut bestellt“

Die in Ouagadougou lebende Journalistin schreibt, dass „seit dem Jahr 2001 [...] in Burkina Faso Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Organismen gemacht“ werden. Sie bezieht sich dabei auf die „so genannte Bt-Baumwolle“(1). „Doch erst zwei Jahre später wurde [...] öffentlich bekannt, dass die Regierung in Ouagadougou mit dem berüchtigten US-amerikanischen Saatguthersteller Monsanto vertraglich eine Partnerschaft zum Anbau genetisch veränderter Organismen (GVO) eingegangen war“. Monsanto behauptete zwar, die GVO-Versuche seien auf „gesonderten Feldern“ durchgeführt worden, tatsächlich waren es aber nur Parzellen, über die man ein paar zerfledderte Netze warf.

Der folgende Text ist so brisant, dass er unverändert übernommen wurde. „Diese Nachricht löste bei den burkinischen Bauern – wie zu erwarten – heftige Proteste aus. Burkina Faso hatte außerdem gegen zwei internationale Abkommen verstoßen, die es selbst unterzeichnet hat: das Biodiversitäts-Abkommen (Convention on Biological Diversity/CBD), das 1992 in Rio de Janeiro ausgehandelt wurde, und das Cartagena-Protokoll, ein völkerrechtlich bindendes internationales Abkommen, das am 11. September 2003 in Kraft getreten war und den grenzüberschreitenden Transport und die Handhabung von gentechnisch veränderten Organismen regelt. Mit ihrer Unterschrift unter diese beiden Verträge hatten sich alle Mitgliedstaaten – nur die USA, Somalia und der Irak haben das Cartagena Protokoll von vornherein nicht unterzeichnet – dazu verpflichtet, dessen Vorgaben in ihrer jeweiligen nationalen Gesetzgebung umzusetzen und äusserste Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, bevor mit dem Anbau genetisch veränderter Organismen begonnen würde. Die Bevölkerung sollte über mögliche Gefahren aufgeklärt und keine Entscheidung sollte ohne eine breitestmögliche Bürgerbeteiligung getroffen werden.

Burkina Faso verabschiedete sein nationales Biosicherheitsgesetz erst im April 2006. Eigentlich hätte das Gesetz mit seinen 75 Artikeln die GVO-Gegner beruhigen können. In Artikel 22 wurde festgeschrieben, dass „die Sicherheit von Menschen, Tieren und Pflanzen und der Schutz von biologischer Vielfalt und Umwelt zu gewährleisten“ und eine Nationale Biosicherheitsbehörde (ANB) zur GVO-Risiko bewertung zu schaffen sei. Es sind ja gerade die unkontrollierbaren Risiken, die den GVO-Gegnern Sorgen machen.

   Man fragt sich, warum die Regierung von Burkina Faso sich ausgerechnet mit dem Chemiekonzern Monsanto, dem Hersteller von Agent Orange und Roundup(2) zusammengetan hat. Burkina Faso ist eines der sieben ärmsten Länder der Welt. Langfristig, so hofft die Regierung, wird die gentechnisch veränderte Baumwolle die burkinische Landwirtschaft ankurbeln und damit der viel beschworenen Armutsbekämpfung dienen. Für Monsanto war Burkina Faso als Testgebiet für die Verbreitung von GVO in ganz Westafrika besonders attraktiv, weil das Land der größte Baumwollproduzent in der Region ist, noch vor Mali, Benin und der Elfenbeinküste.

Aufgrund seiner geografischen Mittellage spielt es für die Verbreitung von Biotechnologien für Monsanto gewissermaßen die Rolle eines Trojanischen Pferdes. Denn über die Baumwollentkernungsfabriken in den Grenzgebieten kommt es „unbeabsichtigt“ zur GVO-Kontaminierung benachbarter Baumwollplantagen. Und eine einmal kontaminierte Pflanze, die man mit bloßem Auge sowieso nicht als solche erkennen kann, lässt sich nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Und weil sich die ländlichen Gemeinden technisch aufwändige Kontrollen nicht leisten können, setzen sich die gentechnisch veränderten Pflanzen allmählich immer mehr durch, ohne dass die Bevölkerung etwas davon mitbekommt. Benin will den Anbau von GVO noch weitere fünf Jahre aufschieben. Mali dagegen hat dem Druck nachgegeben und Feldversuchen mit Bt-Baumwolle zugestimmt. Der diskreditierte Präsident als Musterschüler.

Burkina Faso ist das schwächste Glied in der Kette: Sein langjähriger Staatspräsident Blaise Compaoré war zudem bemüht, seinen internationalen Ruf wiederherzustellen, der durch die Unterstützung des 2003 gestürzten liberianischen Präsidenten Charles Taylor gelitten hatte(3). So wurde Burkina Faso binnen weniger Jahre zum Musterschüler der Welthandelsorganisation (WTO). Der Abschluss mit Monsanto ist auch als politische Geste gegenüber den USA zu verstehen, und seit 2003 steht die Förderung von Bt-Baumwolle ganz oben auf der Agenda von Landwirtschaftsminister Salif Diallo.

Die Nationale Union der Baumwollproduzenten (UNPCB) war zunächst skeptisch, gab diese Haltung jedoch alsbald wieder auf, nachdem die Union mit 30 % an der Firma Sofitex beteiligt wurde, der größten burkinischen Gesellschaft zur Baumwollverarbeitung.

GVO-kritische Baumwollbauern gründeten daraufhin im Jahr 2003 die Nationale Gewerkschaft für Landwirtschaft und Viehhaltung (Syntap). „Wir haben nichts anderes als die Landwirtschaft“, sagt Ousmane Tiendrébéogo, einer ihrer Sprecher. „Niemand hat das Recht, russisches Roulette mit unserer Zukunft zu spielen.“

Es gibt in Burkina Faso drei baumwollverarbeitende Gesellschaften: die Sofitex im Westen, die Socoma im Osten und Faso Coton in der Landesmitte. Zu dritt bilden sie ein Monopol, das gemeinsam mit der UNPCB jedes Jahr den Baumwollpreis festlegt. Im Jahr 2008 lag der Kilo-Preis für Baumwolle erster Güteklasse bei 165 Francs CFA, das entspricht 0,25 Euro. Sie beliefern die Bauern auf Kredit mit Düngemitteln, Insektiziden und Herbiziden und holen die geerntete Baumwolle zur Verarbeitung in die Entkernungsfabrik ab.

Dieses aus der Kolonialzeit übernommene Betreuungssystem ist eine zweischneidige Sache, denn es lässt den Erzeugern kaum Entscheidungsfreiheit. Den Bauern gehören zwar die Parzellen, sie könnten also ohne weiteres, wenn es sich nicht lohnt, den Anbau von Baumwolle zugunsten einer anderen Exportpflanze, zum Beispiel von Sesam(4) aufgeben. Tatsächlich aber sind sie Abhängige – weil sie sich ver schulden müssen und weil sie von den Baumwollgesellschaften direkt beliefert werden.

Yezuma Do ist Baumwollproduzent: „Sie sind mit Leuten von den Behörden gekommen. Polizisten waren auch dabei. Und sie haben uns erzählt, dass wir nächstes Jahr alle Bt anbauen müssten. Das soll angeblich besser für uns sein. Was das Saatgut kosten wird, haben sie aber nicht gesagt. Die UNPCB hat klargemacht, dass wir unsere normale Baumwolle nirgends mehr in der Gegend entkernen lassen können, wenn wir nicht mitmachen.“ Yezuma Do ist das Kämpfen leid, und wie viele seiner Nachbarn überlegt er jetzt, den Baumwollanbau ganz aufzugeben.

Die UNPCB und die Baumwollgesellschaften haben sich inzwischen zu einem großen Berufsverband zusammengeschlossen (Association interprofessionnelle du coton au Burkina/ AICB). In Kooperation mit den Wissen schaftlern überwacht der Verband die Ausbildung der Facharbeiter und Produzenten. Und er wird den Saatgutpreis für Bt-Baumwolle festlegen. Damit schließt sich der Kreis. Im Jahr 2008 wurde Bt-Baumwolle vom Typ Bollgard II auf einer Fläche von 12.000 Hektar angebaut. Nachdem die Nationale Biosicherheitsbehörde ANB deren kommerzielle Erzeugung für 2009 genehmigt hat, wurde daraus das Saatgut für 300.000 bis 400.000 Hektar Baumwolle gewonnen.

Die Produzenten bezahlten für das konventionelle Saatgut nur 900 Francs CFA (1,37 Euro) pro Hektar. Die Saatgut-Lizenzgebühren dagegen, die sie an Monsanto abführen müssen, werden vermutlich mehr als 30.000 Francs CFA (45 Euro) pro Hektar kosten5. Doch ihnen wird versichert, dass der Saatgutpreis auch in Zukunft erschwinglich bleiben wird.

Inzwischen haben sich einige Erzeugerverbände zu einem Anti-GVO-Bündnis zusammengeschlossen, der Vereinigung zum Schutz des genetischen Erbes Afrikas (Copagen). Auch Initiativen aus den Nachbarländern Benin, Mali, Elfenbeinküste, Niger, Togo und Senegal gehören dem Bündnis an. Trotz ihrer begrenzten Finanzmittel hat die Copagen im Februar 2007 eine Informationskampagne in der Region organisiert, um die Bevölkerung über die Risiken der GVOs aufzuklären. Die Aktion endete in einer Protestdemonstration gegen die Partnerschaftsabkommen mit der EU (WPA)(6) und den Anbau transgener Pflanzen in Ouagadougou: „Nein zum Diktat der Multis“, „Nur Bio-Anbau ist echter Umweltschutz“.

„Die da oben arbeiten offensichtlich nicht in unserem Interesse“, brachte ein Teilnehmer sein Anliegen auf den Punkt: „Wir brauchen sofort und überall Aufklärung über die GVO- Risiken. In Afrika darf es keine GVO geben.“

Die GVO-Befürworter finanzieren mit Unterstützung der Regierung Studien, Vor-Ort-Besuche und so genannte Aufklärungsfilme. In den Hochglanzbroschüren von Monsanto wird zudem eine tolle Zukunft in Aussicht gestellt: Das transgene Bollgard-II-Saatgut soll eine durchschnittliche Ertragssteigerung um 45 %, eine Verringerung der Pestizideinsätze von sechs auf zwei pro Saison und eine Kostenreduzierung um 62 % bringen. Das würde, nach den Zahlen des burkinischen Instituts für Umwelt und landwirtschaftliche Forschung, eine Einsparung um 12.525 Francs CFA (20 Euro) pro Hektar und einen verbesserten Schutz von Gesundheit und Umwelt bedeuten.

Fußnoten:

(1)Die Sorte „BT-Baumwolle" enthält das Genses Bakteriums „Bacillus thuringiensis". So produziert die Baumwolle selbst mit diesem Bazillus ein Insektizid, das sie gegen die Kapselraupe schützt.

(2) Agent Orange ist ein Dioxin-haltiges Herbizid, das die US-Armee im Vietnamkrieg zur Entlaubung einsetzte; Roundup ist eine Serienbezeichnung bei Monsanto für hochtoxische Totalherbizide.

(3) Charles Taylor, Expräsident von Liberia, steht seit Juni 2007 in Den Haag wegen Kriegsverbrechen vor Gericht. Compaoré soll Taylor während des Bürgerkriegs mit  Waffen-und Diamantenschmuggel unterstützt haben.

(4) Eine italienische Firma hatte ein für die Erzeuger sehr günstiges Exportprogramm aufgelegt. Aus Angst vor der Konkurrenz sorgten die Behörden dafür, dass das Programm scheiterte.

(5) Vgl. Website der NGO Grain: www.grain.org.

(6) Wirtschaftspartnerschaftsabkommen, mit denen die EU versucht, den Freihandel mit den Ländern des Südens weiterzuentwickeln. Wegen heftiger Proteste von Bürgerinitiativen und Verbänden wurden die im Jahr 2000 begonnenen Verhandlungen nicht in allen Ländern weitergeführt. Vgl. www.stopepa.de.  

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