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Titel

Aus dem Foyer Sainte Monique in Banfora

Es berichtet im März 2010 Jana Marxen, die dort auf Veranlassung des Solidaritätskreises Westafrika ein Freiwilliges Soziales Jahr ableistet.

Hier ist es immer noch sehr heiß, 40 Grad. Alles wartet auf nur ein paar Stunden Regen, der aber nicht kommen will. Am Straßenrand und auf dem Markt sieht man jetzt überall hohe Berge Mangos. Es sind die ersten für dieses Jahr. Kleine, mit vielen Fasern drin, die einem alle zwischen den Zähnen hängen, wenn man fertig ist mit essen. Aber bald werden auch die großen reif sein, die mit viel Fruchtfleisch und wenig Fasern.

Dolo-und-TôIch sitze gerade auf meinem Bett, höre afrikanische Musik und weiß mal wieder nicht wo ich anfangen soll. Draußen gackern die Hühner und wenn ich aus meinem Fenster gucke, sehe ich, wie sich die Bananenblätter langsam im Wind bewegen. Der Himmel ist grau, ab und zu guckt die Sonne raus. Wegen der Hitze schlafe ich schon seit Wochen nicht mehr in meinem Bett, entweder draußen unter einem Moskitozelt oder in meinem Zimmer auf einer Plastikmatte auf dem Boden, wenn Céline (Anmerkung der Redaktion: eine Ordensschwester) und ich nicht gerade in einem Dorf übernachten.

Denn seit dem letzten Rundbrief sind wir regelmäßig in den Dörfern der Region unterwegs und haben dort schon sehr viel bei der Aufklärungsarbeit erlebt. Wir waren in Loumana, Sidéradougou, Yéguéresso, Mangodara, Niangoloko, Tarfila, Moussodougou, Siniéna und Tengréla (wer Lust hat, kann ja mal auf einer Burkina-Karte nachsehen). Meist schlafen wir in den Dörfern, da es zwei bis drei Tage braucht, um mit allen Mädchen zu arbeiten (pro Schule ca. 150-200 Schülerinnen). …

Da Götz Krieger vom Solidaritätskreis Westafrika den Allrad für seine Arbeit zwei Monate lang mitgenommen hat, mussten wir beide zwangsläufig die Autos der Communauté nutzen, um in die Dörfer zu fahren. Das sollte sich noch als ein großes Abenteuer herausstellen! Wir hatten zwei Autos zur Verfügung: ein Peugeot 405 und einen Opel - keine Ahnung. Der Peugeot ist blau, liegt viel zu tief für die schlechten Pisten, schruppt überall auf. Die Fahrertür lässt sich nur von innen öffnen. Der Kofferraum schließt nicht der ganze rote Sand von den Pisten fliegt von hinten ins Auto. Der Opel ist weiß. Er hatte kurz nach meiner Ankunft in Afrika einen Batteriebrand war bis vor kurzem noch in der Werkstatt Deshalb die große unlackierte Flick-Stelle auf der Motorhaube. Tacho und Kilometerzähler funktionieren nicht.  Beim Fahren hört man von vorne her laute Rasselgeräusche. Er hat keinen Ersatzreifen. Voilà, unsere Übergangsdienstwagen.

 

Abenteuer mit den Dienstwagen

 

Das war schon immer lustig, es gab kaum eine Fahrt, die reibungslos verlief: In Siniéna hat der Hinterreifen blockiert, in Loumana ist abends der Opel-Motor nicht mehr angesprungen und da es in den Dörfern keine Automechaniker gibt, mussten wir einen im 100 km entfernten Banfora anrufen. Der ist dann mit dem Peugeot 405 gekommen und hatte damit unterwegs auch noch eine Panne, sodass wir letztendlEinblick in ein Dorfich vier Stunden auf den Mechaniker gewartet haben! Als wir morgens um 6 nach Moussodougou aufbrechen wollten, lacht uns ein platter Hinterreifen an und bevor wir nach Mangodara fahren konnten musste der Dieseltank ausgeleert werden, weil der Tankwart 15 Liter Benzin statt Diesel eingefüllt hatte. Und das abends um neun Uhr… morgens sollte es um 6 Uhr losgehen!

Die Schulen in den Dörfern liegen auch meist ein bisschen außerhalb und viel Zeit verbringen wir damit, uns danach durchzufragen. Die meisten Wegbeschreibungen sind echt speziell und so was wie „…an der Hütte vom Bruder vom Dorfchef rechts“ hilft uns leider nicht viel. Aber mit einer guten Portion Humor (und zum Glück haben wir denselben) haben Céline und ich es irgendwie immer hingekriegt, dass am Ende doch alles gut lief (mittlerweile lassen wir uns auch von jemandem am Dorfeingang abholen und hinführen).

Doch es kommen ja auch noch die kleinen organisatorischen Dinge hinzu, wie zum Beispiel in Loumana ein Schul-Direktor, der krank ist und seinen Vertreter nicht über unsere Ankunft informiert hat. Das heißt: Innerhalb von 5 Minuten alles irgendwie organisieren, die Hälfte der Mädchen in einen Raum, Biolehrer informieren und da wir eigentlich beim Direktor schlafen sollten: irgendwo einen Schlafplatz für uns finden. So wurden aus den 5 Minuten locker mal 30. Der Direktorvertreter hat uns dann ein Zimmerchen bei sich angeboten und sich echt liebevoll um uns gekümmert, darum das wir alles hatten, was wir brauchten: Essen, einen Eimer mit Wasser zum duschen, …

Hier war es auch, wo unser Auto abends nicht mehr angesprungen ist. Das hieß, dass die armen Schüler, Céline und ein paar Männer das Auto samt schwerem Material zu dem 300 Meter entfernten Direktorvertreter-Häuschen schieben mussten (ich war am Steuer und hab die schwere Aufgabe übernommen, zu lenken.

Außerdem gibt es in den Dörfern keine Elektrizität, das heißt wir müssen mit einem Generator arbeiten. Letztens war das Benzin dann irgendwie alle, als wir mitten in der Aufklärung waren… bin dann aber schnell mit dem Auto zum nächsten Stand am Straßenrand gefahren, wo Benzin in 1-Liter-Flaschen verkauft wird und alles war gut.

 

Große Unterstützung bei der Aufklärung

Bei all dem ist es so schön zu sehen, dass die Lehrer und Direktoren immer sehr hinter der Aufklärung stehen und demnach sehr kooperativ sind, auch wenn es um spontane Änderungen und Wünsche geht! Und ganz ehrlich: ich liebe diese Arbeit. Ich könnte mir nichts Besseres vorstellen!

Auf der einen Seite steht ganz klar das gute Verhältnis zu Céline, gerade auch wenn es ums „miteinander arbeiten“ geht. In meinem letzten Rundbrief hatte ich schon erwähnt, dass wir

uns vor den Mädchen ganz gut ergänzen. Sie ist jemand der sehr selbstbewusst und ehrlich ist. Wir schlafen in den Dörfern immer in demselben Zimmer oder in einem Zelt und da ist es so wichtig für uns beide, dass wir auch mal „nicht reden“, viel mit Humor nehmen und vor allem: beide mitdenken! Ebenso, dass wir unsere Angewohnheiten kennen: ich weiß zum Beispiel, dass ich sie morgens besser nicht grüße, bevor sie nicht ihr 15-minütiges Morgengebet gelesen hat … das sind alles Dinge, die die Arbeit mit ihr sehr angenehm machen.

Und der Hauptgrund warum die Arbeit mir so Spaß macht sind die Mädchen! Wie sie in der Klasse sitzen, wunderschön, mit neugierigem Blick, in dem oft noch etwas sehr kindliches liegt. Manchmal sieht man auch Mädchen, die skeptisch blicken, man sieht, dass sie es nicht leicht haben, sie lachen kaum oder wirken verschüchtert.

Und obwohl die Jungens bei der Aufklärung nicht dabei sind, sind die Mädchen sehr zurückhaltend und stellen fast keine Fragen. Doch man merkt wie sie langsam während der vier Stunden auftauen. Und das tut gut! Ich glaube durch die Art, wie wir die Runde leiten und die Mädchen versuchen, an die Ratschläge heranzubringen, sehen sie uns nicht so sehr als Lehrer. Auch dadurch, dass wir meist nicht viel älter sind als sie selber (es gibt Mädchen die älter sind als ich).

 

Abenteuerliche Vorstellungen

Klar ist, dass womöglich nur ein Buchteil derer, mit denen wir gearbeitet haben, wirklich später eine Arbeit mit festem Lohn haben wird. Doch wenn ich sehe, dass über die Hälfte einer Klasse nicht weiß, nach wie viel Mal Geschlechtsverkehr eine Frau schwanger werden kann, sich eine meldet und sagt „1-2 Tage“ und eine nächste „5 mal“, dann wird mir klar, dass wir wirklich in kleinen, langfristigen Schritten denken müssen. Doch vielleicht ist das Wissen, dass ein einziges Mal schon reicht, für einige Mädchen gerade jetzt wichtig. Vielleicht wäre morgen ein Typ zu ihr gekommen und hätte gesagt „Du kannst doch beim ersten Mal nicht schwanger werden, schlaf mit mir!“ und aus Unwissen hätte sie es gemacht. Jetzt weiß sie es und widersetzt sich morgen vielleicht?!

Es ist einfach utopisch zu denken, dass sie jetzt alle selbst bestimmen, wann sie Sex haben und wann nicht. Aber wir sehen, dass es schon Themen wie Zukunft, Beziehung zu Eltern, zum Freund, Menstruation, usw. sind, die den Mädchen völlig neu sind und wovon sie unheimlich profitieren können! Hoffentlich kommt es dann langfristig zu einer Änderung im Bewusstsein der Jugendlichen (und letztendlich auch der Eltern!!). Kurz: Ich sehe einen so großen Sinn in der Arbeit die wir machen, es wird nie langweilig und hinzu kommt mit Céline eine super „Arbeitskollegin“.

Meine Zeit und die Arbeit mit den Mädchen des Foyers neigt sich leider langsam dem Ende zu, denn schon Ende Mai werden alle, bis auf die Examensleute, das Foyer verlassen und in die großen Ferien fahren. Zwischenzeitlich hatte ich Schwierigkeiten, mir über meine Stellung den Mädchen gegenüber klar zu werden. Ich habe versucht, mir eine Autorität zu erkämpfen, die gleich ist mit der Sr. Célines und war dann frustriert, als ich sah, dass das nicht funktioniert. Vor allem weil es mir gleichzeitig auch von Anfang an wichtig war, ein freundschaftliches Verhältnis zu den Mädchen aufzubauen. Mittlerweile habe ich meine Stellung gefunden, das heißt mehr Freundin zu sein, als Aufpasser. In dieser Rolle fühle ich mich um einiges wohler.

Oft sitze ich samstags mehrere Stunden mit den Mädchen zusammen, esse mit ihnen, wir quatschen und sie fragen mich über Deutschland aus: „Gell, Jana ihr esst bei euch doch auch tô?!“ – „Nein, das gibt’s bei uns nicht…“ – „WAAAASS???“ oder: „Jana, stimmt es, dass bei euch nie die Sonne scheint??“. Ich liebe solche Gespräche.

 

Mühsame Lernfortschritte

Der Computerunterricht mit den Mädchen läuft weiterhin, die Fortschritte sind aber leider bei weitem nicht PC-Arbeitso groß, wie ich es mir erhofft hatte. Ich zeige den Mädchen zum Beispiel etwas Neues, wie man die Textgröße oder Farbe eines Word-Dokuments ändern kann. Dann ändern sie die Größe und die Farbe für den Satz, den ich angegeben habe und danach schauen sie mich mit großen Augen an, legen die Hände auf den Schoss und fragen: „Ich bin fertig, und jetzt?“ Arrggghh, das kann ich einfach nicht verstehen! Immer wieder sage ich ihnen, dass man den Umgang am Computer hauptsächlich durch Ausprobieren, durch die Gewohnheit lernt, dass er wie ein Land ist, das es zu entdecken gilt, sie nichts groß kaputt machen können. Doch leider kommt es dazu nur selten.

Seit dem Zwischenseminar hat sich mein Leben hier noch mal geändert: Die Beziehungen zu den Menschen haben sich vertieft. Die zu den Schwestern, die zu den Mädchen des Foyers und die auch zu einigen Menschen in Banfora. Vor allem am Wochenende nutze ich die Zeit, Freunde zu besuchen. Samstags habe ich nach wie vor um 8 oder 9 Uhr zwei Stunden Dioulakurs und danach gehe ich jetzt irgendwie immer mit meiner „Lehrerin“ ins Kabarett, Dolo (Hirsebier) trinken und da können wir uns über so viel unterhalten, was sonst nicht möglich ist, wirklich private Dinge.

Maria ist 42 und seit 25 Jahren verheiratet. Schon seit Jahren geht es ihr in dieser Ehe nicht mehr gut und es gibt Tage, da wechseln ihr Mann und sie kein Wort miteinander. Ihr Mann geht jeden Tag seine 1,5 Liter Bier trinken und wenn er danach schlecht drauf ist kann es auch schon mal sein, dass er zuschlägt… Die beiden haben drei Kinder.

Wenn Maria mir das so erzählt kann ich mir nicht vorstellen, wie eine Frau dann noch bei ihrem Mann bleiben kann, aber was soll sie sonst auch machen? Sich alleine versorgen? Wovon? Hier kommt eine Trennung gerade für Frauen nur in den äußersten Ausnahmefällen in Frage. Und trotzdem ist Maria eine, die unheimlich engagiert ist und gerne lacht (wenn ihr Mann verreist ist kriegt sie ihr Lachen gar nicht mehr vom Gesicht). Zum Mittagessen komme ich dann nach Hause und gebe nachmittags Computerunterricht für die Mädchen.

Sonntags nach der Messe fahre ich mit Henri nach Hause, wo wir uns mit seinen Nachbarn unter einen Mangobaum setzen, Tee trinken und quatschen. Nachmittags kommen dann manchmal noch einer oder zwei hier hin und dann kann’s in die neue Woche mit den Schwestern gehen!

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