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Titel

Sankara3Thomas Sankara – zum Gedenken

Dafür lieben wir ihn ...

Eine sehr persönliche Erinnerung von Hans Peter Hauschild am 15. Oktober 2007

 

Wir schreiben Donnerstag, den 15. Oktober 1987, und zu jener Zeit ist es meine Gewohnheit, abends die Afrika Berichterstattung der BBC London „Focus on Africa“ zu hören. Gegen 19.15 Uhr vernehme ich aus dem Rauschen des Kurzwellensenders, der von der britischen Atlantikinsel Ascension Island sendet, folgende Meldung:

„…reports just coming in from Ouagadougou, capitol of Burkina Faso in West Africa, talk about heavy shooting in town this afternoon. The shooting occurred at the Conseil d’Entente Centre where a meeting of the country’s ruling body was taking place. Roumors are that a group of armed military men carried out an attack. We have no details about victims or the whereabouts of the country’s President Thomas Sankara. Radio Programmes in Burkina Faso have continued as usual…“

Diese Art Meldungen kenne ich als langjähriger Hörer schon – und eiskalt läuft es mir den Rücken hinunter.

Dreizehn eilig geschaufelte Grabhügel auf dem Friedhof Dagnoen am östlichen Stadtrand und Ouagas bestens informiertes „Radio Trottoir“ machen die Ahnung schon am nächsten Morgen zur Gewissheit – eine gedungene Mörderbande in Uniform hat mit einer Ausnahme alle Teilnehmer des Treffens am Nachmittag des 15. Oktober erschossen und die Toten schnell verscharrt.

Tom Sank ist tot.

Mit ihm stirbt wohl auch sein Traum von einer besseren Welt, einem besseren Staat, einer besseren Gesellschaft und besseren Menschen. Burkina Faso - „Heimat der Ehrbaren Menschen“ sollte das Land dieses Traums werden – das durfte und konnte nicht sein. Zu viele mächtige Interessen stehen dagegen.

Als Afrika in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts anfängt, das Ende des Kolonialismus zu fordern und erste Politiker die Unabhängigkeit ihrer Länder verlangen, gibt es so viele Träume von freien und gerechten Gesellschaften ohne Ausbeutung, Krieg und Armut.

Kwame Nkrumah führt Ghana, er will Pan-Afrika, den Zusammenschluss aller neuen Staaten und scheitert schon wenig später an Überheblichkeit, Wirtschaftskrise und Größenwahn

Sekou Touré bietet Frankreich die Stirn, sein Guinea versinkt im Gulag von Despotismus, Armut und Angst

Andere versuchen es demokratischer und werden vielleicht nur deshalb nicht zu gefürchteten Diktatoren, weil ihre Gegner aus dem Lager der alten und neuen Kolonialmächte dieser Erde Hand in Hand mit bezahlten Mördern schnell und unerbittlich zur Tat schreiten.

Patrice Lumumba im Januar 1961 im großen Kongo, Prinz Louis Rwagasore im Oktober 1961 in Burundi, Sylvanus Olympio im Januar 1963 in Togo, Eduardo Mondlane 1969 und Samora Machel 1986 in Mosambik, Marien Ngouabi 1977 im kleinen Kongo und Amilcar Cabral (Guinea-Bissau und Kapverden) 1973 lassen ihr Leben und ihre Hoffnungen bei grausamen Mordanschlägen.

Nicht zuletzt steht auch Che Guevara in dieser Reihe, als er am 9. Oktober 1967 also fast genau vor 40 Jahren in Bolivien 39jährig auf Anordnung der US amerikanischen CIA erschossen wird.

Nun trifft es Thomas Sankara. Bereits mit 32 ist er einer der ganz jungen Hoffnungsträger Afrikas, fünf Jahre lang bestimmt er die Geschichte seines Landes mit, begeistert die Menschen durch seine Reden und durch seine bescheidene Lebensart.

In einem der ärmsten Länder des Kontinents macht er sich auf den Weg in eine bessere Zukunft.

Als kleiner Staatssekretär legt er sich mit den Herrschenden an, bleibt seiner Überzeugung treu, geht lieber ins Gefängnis als zu widerrufen.

Als Premierminister verunsichert er die etablierten Eliten der Welt in Neu Delhi, als Staatschef spricht er in New York vor den Vereinten Nationen für die Verdammten dieser Erde.

Gewiss, er ist es nicht allein, aber ohne ihn sind die anderen kopflos, er ist das Symbol der Revolution, des Umbruchs der Gesellschaft, der Mobilisierung der Bevölkerung gegen Ausbeutung und für Selbstbestimmung.

Mitbestimmung der Jugend gegen die Altherrenherrschaft, Frauenemanzipation gegen Männerdominanz, gemeinsames Handeln aller gegen die Ausbeutung vieler durch wenige – das sind die Felder, auf denen sich die Auseinandersetzung abspielt.

Neben einem Großteil der Menschen in Burkina Faso und der Jugend Afrikas begeistert Thomas Sankara auch Beobachter und Freunde Afrikas weltweit. Endlich einer, der sich traut, zu tun was er sagt und zu sagen, was er tut.

Afropessimismus ist schon Mitte der 80er Jahre weit verbreitet, Diktatoren und Despoten (Mobutu, Idi Amin, Bokassa, Macias, Traoré, Eyadema,...) bestimmen das Bild, von den Wünschen und Träumen der Unabhängigkeit bleibt nichts.

Und nun kommt einer daher und vermittelt genau das: Gemeinsam sind wir stark, wir schaffen es, wir bauen das Land auf und um, Jugend, Frauen, Männer - ohne Zwang, freiwillig, gegen die Interessen der nationalen und internationalen Ausbeutung und Übermacht. Auf einmal gibt es Hoffnung, es geht also doch, Thomas ist überzeugt und überzeugend, er lebt es vor, locker und nett, aber hart in der Sache, das kommt an.

1983, 1984, 1985, 1986, 1987 – fünf kurze Jahre – zu kurz für ein Land, zu kurz für die Welt, aber lang genug, um nicht vergessen zu werden. Biographen haben sich bemüht, Kritiker Fehler gesucht, Soziologen analysiert, Nachfolger, Forscher und Professoren evaluiert. – Was bleibt?

20 Jahre nach dem Mord gibt es immer noch keine Täter und keine Gerechtigkeit,

20 Jahre danach keine Beweise für die Vorwürfe seiner Nachfolger,

20 Jahre haben aber auch uns und alle Beteiligten verändert.

Thomas Sankara bleibt das Symbol dafür,

dass auch Afrika eine Chance hat,

dass diese von Innen kommen kann und muss,

dass ein Revolutionär authentisch leben muss, wenn er begeistern will.

La patrie ou la mort – nous vaincrons !

Das Motto war prophetisch – sein Tod war sein Sieg.

Merci Camarade !

Thomas Sankara ist die Hoffnung Afrikas geworden.

Und die Hoffnung stirbt zuletzt ... oder nie.

Dafür lieben wir ihn.

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