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Sex, Geld, viel Frustration und wenig Visionen
Einblicke in einen „heißen Frühling“ in Burkina Faso
Wie schon in Tunesien so begannen auch in Burkina Faso die Unruhen mit einem zunächst singulär erscheinenden Ereignis. Nur schien dieses in Burkina zunächst viel peripherer, bei näherem Hingucken entpuppte es sich aber als eines, das sehr wohl geeignet war, die Grundprobleme der aktuellen burkinischen Gesellschaft offen zu legen.
Februar 2011: Justin Zongo, Schüler eines Gymnasiums in Koudougou, hat in der Schule Ärger mit einer Mitschülerin. Pech für ihn: diese hat ein Verhältnis mit einem Polizisten und schwärzt den Klassenkameraden nun bei diesem an. Letzter rückt mit einigen seiner Kollegen in die Schule ein, verprügelt Justin schon vor Ort und schleift diesen dann ins Polizeirevier. Wenige Tage nach seiner Entlassung ist Justin tot – während die Behörden diesen Todesfall auf Meningitis zurückführen, ist für die Mitschüler die Ursache klar eine andere: für sie starb Justin an den Folgen der Behandlung bei der Polizei.
Zunächst gehen die Schüler von Justins Gymnasiums auf die Straße, die Polizei, überfordert, ruft nach Unterstützung aus Ouagadougou (angeblich, ohne dass die Verantwortlichen in Koudougou oder Ouagadougou von dem Techtelmechtel ihres Kollegen mit der Klassenkameradin des Opfers wissen), die Verstärkung kommt und schießt mit scharfer Munition in die Menge. Es kommt zu zwei weiteren Toten (Schülern). In den nächsten Tagen sind alle Schüler Koudougous und der benachbarten Orte (Poa, Sabou, Kokologho) auf den Straßen – und weiteres Blut fließt (zunächst 3 weitere Schüler).
Man könnte diese ganze Geschichte nun darauf beschränken, sie im Kontext der Studentenunruhen der letzten Jahre zu analysieren. Allerdings kommt hier als besonderes Element die besondere Verwicklung der Polizei hinzu (dass sie mit Gewalt jede auch noch so kleine Demonstration unterdrückt, ist (leider) nichts Neues, dass sie aber gewissermaßen Ausgangspunkt ist, schon). Und – auch bei den von anderen sozialen Gruppen ausgehenden Unruhen der folgenden Wochen steht immer eine „Rockgeschichte“ (histoire de jupe) am Anfang – liegt das Problem Burkinas vornehmlich in den Frauengeschichten? Natürlich nicht, aber zwischenzeitlich konnte man fast den Eindruck bekommen. Denn auch die nächsten Unruhen begannen mit einer Frauengeschichte. In der Nacht vom 23. zum 24. März kam es zu Schüssen in der Lamizana-Kaserne in Ouagadougous Stadtteil Gounghin. Einige Militärs wollten dadurch erreichen, dass fünf ihrer Kameraden aus der Haft entlassen wurden, die zuvor wegen Körperverletzung verurteilt worden waren.
Was war geschehen? Ein togolesischer Gastsoldat hatte mit der Frau eines der Militärs geflirtet. Um diesem seine Grenzen aufzuzeigen, zwangen der (gehörnte?) Ehemann sowie vier seiner Freunde den Togolesen, sich auszuziehen und am helllichten Tag nackt auf dem Mofa durch die ganze Stadt zu fahren. Als die fünf Übeltäter verurteilt waren, griffen ihre Kameraden zu den Waffen, um sie freizupressen. Und tatsächlich: die Militärgerichtsbarkeit ließ die fünf noch am nächsten Tag laufen (worauf die Richter Burkinas in Streik gingen).
Und die nächste „Rockgeschichte“: Ermuntert vom ouagalesischen Vorbild schossen fünf Tage später in Fada N’Gourma ebenfalls Soldaten um sich: sie wollten Kameraden freipressen, die wegen Vergewaltigung an einem Mädchen verurteilt worden waren. Als diesmal die Obrigkeit hart blieb, kaperten die Meuterer Autos und fuhren bewaffnet Richtung Ouagadougou, nicht ohne vorher einen Umweg über Tenkodogo zu machen, dort auch um sich zu schießen und (erfolglos) zu versuchen, ihre dortigen Kollegen ebenfalls zum Marsch auf Ouagadougou zu bewegen.
Alles Rockgeschichten? Nein, es kam auch Geld dazu: die Meutereien der Soldaten waren zugleich begleitet von Plünderungen von Geschäften. Was zunächst als vollkommen unverständlicher Ausdruck von Vandalismus oder Bereicherungswut schien, enthüllte im Laufe der Zeit einen ernsthafteren Hintergrund: ins Visier genommen wurden vornehmlich Geschäfte, bei denen höhere Militärs als Besitzer vermutet wurden, höhere Militärs, die zugleich im Verdacht standen, den einfachen Soldaten Teile ihres Lohns oder ihrer Zusatzprämien vorenthalten zu haben (in Fada N’Gourma scheint den einfachen Soldaten überproportional viel Sold für unzureichende Unterbringung und Ernährung abgezwackt worden zu sein, in Ouaga ging es um die Entlohnung der im Ausland, Sudan und Tschad, eingesetzten Soldaten). Dieses unterschlagene Geld sei von den oberen Rängen dazu benutzt worden, um ihre privaten Geschäfte aufzubauen.
Es geht aber nur oberflächlich um Sex und Geld, de facto geht es aber vielmehr um die (alten burkinischen) Themen „impunité“ (Straffreiheit) und Korruption. Die „Rock“geschichten müssen in Zusammenhang gesehen werden mit den Sexskandalen, die
2010 in ouagalesischen Regierungskreisen zirkulierten (ein Minister war mit heruntergelassener Hose und in Begleitung einer jungen Dame auf einer Freifläche in Ouaga 2000 erwischt worden, einer seiner Kollegen trat wegen seiner außerehelichen Beziehung zurück, aber gegen weitere Minister waren Flugschriften in Umlauf, z.T. auch wegen Begünstigung oder Benachteiligung weiblicher Beschäftigten, je nachdem, ob sich diese als willig oder resistent erwiesen). Wenn solche Praktiken bei Ministern Usus sind (und weitgehend ungeahndet bleiben), warum sollte sich dann der einfache Polizist/Soldat o.ä. irgendwelche Schranken auferlegen? So die allgemeine Haltung – und umso weniger verstanden es dann die einfachen Soldaten, dass die eigenen Vorgesetzten – die, die einem den mageren Sold abknöpfen und sich damit Villen in Ouaga 2000 bauen und die zudem immer straffrei bleiben – nicht für sie einstanden.
In dieser Haltung liegt der Unterschied zwischen früheren Unruhen, vor allem zu den Hungerunruhen im Frühjahr 2008. Damals richtete sich die Gewalt (vor dem Hintergrund des Anlasses vollkommen unsinnigerweise) gegen alle Symbole des Staates: Rathäuser, Schulen, Ampeln. Diesmal folgten viele Unruhen einer zwar verqueren, irgendwie aber nachvollziehbaren Logik: es war eine Rebellion der Kleinen, deren Lebensbedingungen auch aufgrund der steigenden Preise, vor allem aber wegen der steigenden Korruption, immer schwieriger werden, gegen die Großen, die sich immer unverschämter bereichern. Zunächst wollte man nur mehr „Recht“ (oder vielmehr Straffreiheit), dann richtete sich der Unmut aber immer gezielter gegen die Manifestationen (übertriebenen) Reichtums.
Zunächst ging es nur gegen die (einträglichen) Nebeneinkünfte der höheren Vertreter des Staats- und Militärapparats, aber schon in einem frühen Stadium der Unruhen war eines der ersten direkten Opfer der Bürgermeister von Ouagadougou, der nicht nur einer der einflussreichsten, sondern eben auch einer der reichsten Männer des Landes ist. Sein mehrstöckiges Privathaus im Stadtteil Gounghin wurde geplündert – nach eigenen Angaben blieben Herrn Compaoré nur noch die Kleider, die er am Leib trug. In den folgenden Wochen stiegen auch die Schüler in diese Logik ein: gemeinsam mit den Polizeistationen, die weiterhin in regelmäßigen Abständen in diversen Provinzstädten angezündet wurden (die Rechnung zwischen den Schülern und den Polizisten war und ist noch offen), gingen nun auch die Privathäuser einiger Minister und gehobener Militärs in Flammen auf. Und als dann Mitte April die Präsidentengarde in den Tanz mit einstieg, hatten die Militärs Listen bei sich, mit denen sie durch die Viertel zogen und Häuser genau zuvor identifizierter Persönlichkeiten plünderten. Zu diesem Zeitpunkt ging das Plündern aber auch schon weit darüber hinaus und traf jeden, die irgend als „reich“ identifiziert wurde: Fahrer von Allradwagen, denen das Fahrzeug mitten im Straßenverkehr mit Waffengewalt entzogen wurde (meistens fand man es dann 1 oder 2 Tage später mit leerem Tank irgendwo mitten auf der Straße wieder) oder die Gäste diverser Hotels gehobenen Standards, die dort ausgeplündert (und z.T. wohl auch vergewaltigt) wurden.
Ein wenig unverständlich blieb (auch den nationalen) Beobachtern, dass die diversen Protestbewegungen nicht zusammenfanden und bis heute nicht zusammengefunden haben. Dass sich Schüler/Studenten und Polizei von Anfang an antagonistisch gegenüber standen, erklärt sich aus dem Verlauf der Ereignisse, ebenso wie die zunehmenden Konfrontationen zwischen Soldaten und Geschäftsleuten (es waren eben nicht Geschäfte von Militärs geplündert worden). Aber warum haben die Soldaten nicht den Schulterschluss mit den Studenten gesucht und warum ist es den Gewerkschaften und den Oppositionsparteien nicht gelungen, in den Tanz mit einzusteigen?
Hier scheint sich ein eklatanter Mangel an Visionen auf allen Ebenen zu manifestieren: es geht eben nicht um einen Wechsel des Regimes, sondern es geht vorrangig darum, dass die protestierenden Gruppen auch an dem zu verteilenden Kuchen teilhaben wollen – sich dies aber nur im Rahmen des existierenden Regimes vorstellen können. Während beim kleinsten Anlass spontan tausende auf die Strasse gingen, so gelang es den Gewerkschaften und den Oppositionsparteien nicht, selbst für den 1. Mai mehr als ein paar hundert Menschen zusammenzubekommen. Die Tatsache, dass der derzeitige Oppositionsführer, der Sankarist Benewendé Sankara, die Proteste der verschiedenen sozialen Gruppen zum Signal zum Sturz von Blaise Compaoré uminterpretieren wollte, zeigt nur, wie wenig er die Situation und die Stimmung verstanden hat.
Aber vielleicht wird man dennoch eines Tages sagen, dass dieses Frühjahr 2011 tatsächlich der Anfang vom Ende Compaorés war. Zumindest scheinen die Bestrebungen, die Verfassung zu ändern, um „Blaiso“ ein neues Mandat zu ermöglichen, fast vom Tisch zu sein. Generell erweckt die neue Regierung (der Wechsel erfolgte in Folge der Revolten der Präsidentengarden Mitte April) nicht gerade den Anschein einer umwälzenden Erneuerung: als Premierminister löste der eine alte Fahrensmann (Luc Adolphe Tiao) den anderen (Tertius Zongo) ab, mehr als die Hälfte der Minister blieb im Amt. Am auffälligsten: der Kommunikationsstil hat sich geändert, ist offensiver und
offener geworden, die Zahl der Ministerien wurde verkleinert, was wohl den Anschein einer Straffung geben soll, und, ach ja: Blaise hat höchstselbst das Verteidigungsministerium übernommen, als Zeichen an die Armee sicherlich ein geeignetes Mittel, dem die breite Bevölkerung aber eher indifferent gegenüber steht.
Diese wartet nun im Wesentlichen ab, aber ab und zu flammen noch Unruhen auf: nicht nur unter den Militärs, wie Anfang Juni die in Bobo, bei denen es zu 8 Toten kam (weil nun die Militärspitze endlich entschieden gegen die Meuterer vorging), sondern auch gerade unter den Schülern, die sich gelegentlich zu Wort melden. Und es gibt schon jetzt (Mitte Juni) erste Anzeichen, dass die Reformen (die im wesentlichen in einer angekündigten breiteren Streuung monetärer Vorteile bestehen) einigen unteren Chargen im Staatsapparat nicht schnell genug gehen: vor einigen Tagen haben die Angestellten des Finanzministeriums einen Streik um höhere Zulagen begonnen, die unteren Beamten der inneren Verwaltung haben ähnliches für die nächste Zeit angekündigt.
Natürlich wollen diese Protestierer mehr Geld haben, aber es geht – wie bereits zuvor gesagt – in erster Linie um die Teilhabe an einem „Kuchen“, das Gefühl, angesichts der immer mehr aus dem Boden sprießenden großen Villen und der von Jan und Mann gefahrenen Allradfahrzeuge, selbst zu kurz gekommen zu sein. In diesem Sinne ging eine der ersten Maßnahmen der neuen Regierung, nämlich die Senkung der Preise für einige Grundnahrungsmittel, in eine vollkommen falsche Richtung. Die Leute hatten eben nicht dagegen protestiert, dass „alles“ so teuer geworden sei, sondern dagegen, dass einige so sehr viel mehr Geld (und Vorteile) haben als andere.
Die (angeblich) gesenkten Preise sind außerdem, wie auch bereits 2008, im Alltag kaum zu spüren und sie haben zudem zu einer großen Beunruhigung bei den internationalen Geldgebern geführt, die (absolut zu Recht) die Frage gestellt haben, wie das alles denn finanziert werden solle.
Skepsis gegenüber der neuen Regierung und angesichts der allgemeinen Lage ist also allenthalben zu spüren. Und deutlich hängt auch noch, viel stärker als bei früheren Unruhephasen, der Schock über die plötzlichen Gewaltausbrüche, vor allem seitens der Militärs, nach: dieser Allmachtrausch, in den sich einige Militärs zwei Tage lang hineingesteigert haben (wir haben Waffen, von daher können wir alles haben: Allradfahrzeuge inkl. Benzin, Waren aus geplünderten Geschäften, Frauen, Freibier in jeder beliebigen Kneipe, …) wird schwer vergessen zu machen sein. Und die Bevölkerung harrt des nächsten Ausbruchs …
Andrea Reikat (Ouagadougo)
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