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Titel

Mit dem Wasser kommt das Leben

 

In Burkina Faso verändern Brunnen und Gemeinschaftsgärten den Alltag der Dorfbevölkerung in entlegenen Regionen

Aus dem Mannheimer Morgen, 15.05.2007, von Manfred Loimeier


Es ist Trockenzeit in Burkina Faso, Westafrika. Heißer Wind bläst Sand und Staub in Nase und Augen, wirbelt Blätter und Gestrüpp durch die Luft. Der Mund trocknet aus, die Nase ebenso, und man möchte trinken, trinken, trinken, so viel Wasser trinken, wie man wohl gar nicht auf einmal trinken kann.
Dann, im Dorf Ouenga, Landkreis An-demtenga, Regierungsbezirk Namentenga - jedenfalls in einem eher entlegenen Ort -, sitzen die Dorfältesten und die Repräsentanten lokaler Initiativen erwartungsvoll im Schatten bereit, um Journalisten aus Deutschland zu begrüßen. Und mit ihnen Vertreter der Kinderhilfsorganisation Plan International, welche regionalen Projekte mitinitiiert, koordiniert, finanziert. Reihum serviert eine junge Frau, respektvoll gebückt und den Blick gesenkt, in einer Kalebasse einen milchig schimmernden Begrüßungstrunk. Erstaunlich scharf schmeckt  das  Getränk. Der pfeffrige Geschmack dieses Gemischs aus Wasser, Zucker und Hirsesaft rührt von Tamarinde (1*), die in der flirrenden Hitze der Savanne so belebend wirkt.
Wasser. Ohne Wasser kein Leben, aber mit Wasser: die Zukunft. Zwei Wasserquellen gibt es hier im Dorf Ouenga. Eine davon, der alte Brunnen von 18 Metern Tiefe, wurde jüngst modern erschlossen: Eine mit Solarenergie  betriebene  Pumpe  fördert nun aus mittlerweile 60 Metern Tiefe Wasser zu Tage, füllt es in einen Hochbehälter. 20 Liter daraus kosten fünf CFA, 200 Liter 60 CFA. 60 afrikanische Franc, das sind knapp  zehn  europäische Cent, denn 650 CFA gibt's für einen  Euro.  Aber die  Gebühr  steht nicht für das Wasser, sondern für den
Unterhalt der Pumpe. Je nach Verbrauch und Pegelstand regelt sie automatisch die Wasserförderung. Und weil derlei Automatismus geradezu luxuriös ist, sprechen die Verantwortlichen im Dorf auch nicht einfach nur von einem Bohrloch oder einem Brunnen, sondern vielmehr von einem „château", einem Schloss(2*).
Mit dem Erlös der Pumpengebühr, verwaltet vom örtlichen Wasser-Komitee, hat die Dorfversammlung von Ouenga beschlossen, einen Krankenwagen zu finanzieren. Anschließend sind der Bau und die Ausstattung einer Dorfapotheke das Ziel. Das zeigt, dass von der Wasserförderung nicht nur allein die Versorgung mit dem wertvollen Nass abhängt, sondern auch eine Vielzahl weiterer Projekte und Entwicklungen. Denn das Wasser ermöglicht die Anlage und den Unterhalt von Gemüsegärten, was wiederum eine ausgewogenere Ernährung erlaubt. Und die Frage „Wohin mit dem Abwasser?" berührt Hygiene-Aspekte. Weil über all dies in einer illiteraten(3*), also des Lesens und Schreibens unkundigen Gemeinschaft ausführlich diskutiert wird, heißt das auch, dass auf lokaler Ebene ein Aufklärungsprozess erfolgt. Schließlich wird das ganze Dorf einbezogen, haben, wenn es etwa um Gärten für Mütter geht, auch Frauen etwas zu sagen, erheben, wenn es zum Beispiel um Schulgärten geht, sogar Kinder - Jungen wie Mädchen - ihre Stimme. Lernen, wenn es um gesunde Ernährung und häusliche Sauberkeit geht, alle im Dorf dazu. Basisdemokratie auf dem afrikanischen Land, veranlasst durch einen Brunnenneubau.
Ousseni Belemkdabdga ist so ein Junge, der in einem Schulgarten hilft. Im Dorf Li-guidi nahe der Stadt Koupela im gleichnamigen Landkreis, Regierungsbezirk Kou-rittenga - einem nicht ganz so entlegenen Ort -, ist Ousseni für den Garten der dortigen Schule zuständig. Während die älteren, größeren Schüler den Boden umgraben, ist es Aufgabe der jüngeren, zu säen und zu gießen. Ousseni achtet dabei auf die Erstellung und Einhaltung des Gießplans. Drei Klassen sind es schon, die an dem Schulgartenprojekt teilnehmen. Im vergangenen Schuljahr haben sie 24 Euro aus dem Verkauf von Gemüse erwirtschaftet, das sind 15 600 CFA, der Jahresgehalt eines Bauers, der halbe Preis für ein Fahrrad. Die Kinder verwalten das Geld selbst, und der Erlös wird vorerst dafür verwendet, weitere Gartengerätschaften zu kaufen. Freilich, ein kleines Fest zum Ende des Schuljahrs wurde damit auch finanziert.
Neben dem Schulgarten gibt es auch einen Gemeindegarten in Liguidi, der von den Müttern unterhalten wird. 60 Frauen waren es zu Beginn des Gemeindegartenprojekts,  aber jetzt  sind  es  nur noch
14 Frauen, die sich daran beteiligen. Warum? Weil das spärlich verfügbare Wasser für mehr nicht reicht. Ein unweit gelegener vormaliger See ist gerade vertrocknet, und die Frauen fürchten nun, dass ihrem Garten das selbe Schicksal droht. Als Sprecherin der Müttervereinigung formuliert Rasmata Pilabre diese Angst der Frauen.
Etwa 10 000 Euro kostet es, einen Brunnen zu bohren
und ein Team zu schulen, das sich um den Brunnen kümmert. Drissa Dabone, der für Plan International in Burkina Faso arbeitet, glaubt, dass in Liguidi noch Wasser zu finden und technisch zu erschließen ist. Auch Verwaltungsvorschriften sind zu beachten, denn die Regierung hat vorgegeben, dass ein Brunnen für 800 Menschen reichen muss. Aber in Liguidi kann und soll die Bohrung eines zweiten Brunnens im kommenden Jahr realisiert werden, versichert Dabone. Bei dieser Nachricht treten Tränen der Freude und der Erleichterung in die Augen von Rasmata Pilabre, stellvertretend für die Vereinigung der Mütter, die lautstark applaudieren.
Im Dorf Boto, Landkreis Pouytenga, Regierungsbezirk  Kourittenga,  haben  die Frauen gelernt, noch mehr aus ihrem Kapital, einem Verbund von Gärten, zu machen. Die Frauenvereinigung Boto, die sich in sechs Gruppen mit insgesamt 73 Frauen  teilt,  verkauft nicht  nur  frisches Gemüse  auf  dem nahegelegenen Markt, sondern produziert auch Trockengemüse.  Tomatenscheiben beispielsweise werden unter einem überdimensionalisierten abgedeckten Grill von der Sonne getrocknet, Okrascho-ten  ebenfalls,  Zwiebeln,  Karotten  und Weißkohl.  Und  geht  das  Angebot  an Frischgemüse auf dem Markt zurück, dann steigen  die  Preise  für  Trockengemüse. Auch dieses marktwirtschaftliche Prinzip haben die Frauen von Boto gelernt und sich zu eigen gemacht. Ihre Erdnussernte zum Beispiel hält Fati Kabore aus Boto zuerst ein bisschen zurück und wartet auf höhere Preise, bevor sie verkauft.
So gut sind die Frauen von Boto schon im Geschäft, dass sie nicht mehr nur Gemüse, sondern auch Seife anfertigen und verkaufen. In ihrer Produktpalette bieten sie zudem gefärbte Tücher und Stoffe an, eingeschweißte Hirse und Cashew-Nüsse. Der Erlös erlaubt es ihnen, sich mit Kleinkrediten gegenseitig zu unterstützen und immer neue Geschäftsfelder zu erschließen. 1000 CFA zahlt jede der sechs Projektverantwortlichen jährlich, 500 CFA zahlen jeweils die übrigen 67 Mitglieder pro Jahr in eine Kasse ein. Davon werden reihum die
Kredite vergeben, die sonst keine Bank gewähren würde.
Daneben kochen zwei Frauen abwechselnd für die Schulküche von Boto, und seit es Salat und Auberginen, Gurken und sogar Papaya gibt, hat sich die gesundheitliche Situation im Dorf erheblich verbessert. Die Sterblichkeitsrate von Schwangeren und Müttern ging zurück, und Nachtblindheit  als  Folge  von  Vitamin-A-Mangel kommt kaum noch vor. Aber Salimata Kabore von der Frauenvereinigung erläutert auch, dass das Wasser- und Gartenprojekt in Boto bereits vor 25 Jahren seinen Anfang nahm. So lange dauert es dann doch, bis ein Dorf so deutlich vom Wasser profitiert - sofern es denn anhaltend verfügbar ist. Trotzdem liegt das Gesundheitsniveau in der Region immer noch deutlich unter dem Landesdurchschnitt in Burkina Faso. 167 von 1000 Kindern sterben vor ihrem fünften Geburtstag, während es landesweit 127 sind. Die Hälfte der Frauen in der Region leidet unter Blutarmut, bei den Schwangeren  sind zwei Drittel betroffen. Und jede fünfte
Frau bewegt sich knapp an der Schwelle zur Magersucht(4*). Glückliches Boto dagegen, wo schon die 213 Schüler Eisentabletten und Folsäure erhalten, Vitamin A und frisches Gemüse. Wo ausgewogene Ernährung in der Schule gelehrt wird und Kleinkinder entwurmt werden. Wo im Verlauf einer Generation eine Selbstständigkeit erlernt wurde, die dazu befähigt, darüber nachzudenken, was zu tun ist, wenn Plan International gehen und sich Bedürftigeren zuwenden sollte.
Wo auf dem Tisch mit den regionalen Produkten auch getrockneter Bisap liegt, rote Sauerampferblüten, die im Wasser verrührt wie roter Hibiskus-Tee(5*) schmecken. Die sich frisch zu Marmelade verarbeiten lassen oder zu einem Sirup, der wie Cassis ein Glas Sekt zu einer Art Kir wandelt, zu einem Begrüßungsaperitif, so fein wie mit Tamarinde gewürzter Hirsesaft, nur nicht so ungemein durststillend.
Plan International Deutschland, Bramfelder Str. 70, 22305 Hamburg, Tel.: 040-6114 00

Leider sind Herrn Loimeier in seinem interessanten Bericht einige mehr oder weniger gravierende Fehler unterlaufen, die von der Burkina-Info-Redaktion im Text mit Fußnoten markiert wurden und nun verbessert werden sollen:

 1*) Tamarinde schmeckt sauer und kann in dem Getränk enthalten sein, wird aber ggf. durch Essig oder Zitrone ersetzt. Den pfeffrigen Geschmack erhält dieser Erfrischungstrunk namens Zoom-Koom [Mooré: Zoom = Mehl; Koom = Wasser; sprich: Sohm-Kohm] meist durch Ingwer.

 2*) Der Brunnen wird wahrscheinlich nicht aufgrund seiner technischen Raffinessen „château“ genannt. Der Begriff dürfte vielmehr von dem französischen Ausdruck „Château d’eau“ herrühren, der als „Wasserturm“ zu übersetzen ist, und in Ouenga möglicherweise die Bedeutung dieses Brunnens gegenüber der des alten Ziehbrunnens unterstreichen.

 3*) „Illiterat“ bedeutet „ungelehrt, nicht wissenschaftlich gebildet“ (Duden Fremdwörterbuch 9.Aufl. 2007). In diesem Zusammenhang ist aber offensichtlich „analphabetisch“ gemeint. Ein Illiterat mag wohl des Lesens und Schreibens mächtig sein, tut es aber nicht.

 4*) Der Anteil der in Burkina Faso an der Schwelle zur Magersucht stehenden Frauen dürfte sich im Promille-Bereich oder darunter bewegen; den Menschen bereits anzusehende Folgen von Unter- bzw. Mangelernährung sind hingegen leider durchaus verbreitet.

 5*) Bisap (sprich: Bissap) ist kalter Hibiskusblütentee mit reichlich Zucker und wie Zoom-Koom in der Innenstadt von Ouagadougou an nahezu jeder Straßenecke eisgekühlt und in kleinen Plastiktüten portioniert für 25 oder 50 f cfa (knapp 4 bzw. 7½ Eurocent) erhältlich. Sauerampferblüten werden ebenfalls wie Tee gekocht, der Sud wird zur Herstellung des Tô (Hirsebrei) verwendet, der dadurch einen säuerlichen Geschmack erhält. Die Setzlinge der Pflanzen sehen sich dermaßen ähnlich, dass beide häufig gemeinsam auf Feldern vorkommen. Meist werden dann nur die Sauerampferblüten geerntet und weiterverarbeitet, da für die Bisap-Herstellung große Mengen Zucker benötigt werden, die gerade in ländlichen Gegenden durchaus einen Kostenfaktor darstellen (1 kg kostet ca. 1 Euro!).

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