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Titel

Die Anschrift des Lebens

Der Erlanger Publizistik-Student Eric Segueda über das Leben in Deutschland und in Burkina Faso

Sonntagsblatt Bayern 10.05.2009

Fast zwei Jahre in Deutschland sind  vorbei - und ich bin immer noch neugierig auf das Land, auf die Menschen, ihre Kultur und ihr soziales Leben. Es gibt natürlich große Unterschiede zum Leben in meiner Heimat Burkina Faso. Zum Beispiel im Kommunikationsverhalten: die Deutschen kommen ohne Umschweife zur Sache, es wird keine Zeit für Begrüßungen oder Höflichkeitsfloskeln verschwendet. Das würde in meinem Land als schockierendes und unhöfliches Verhalten betrachtet werden. Wenn man dort jemandem einen Vorwurf machen oder etwas voneinander haben will, spricht man ihn durch Umwege mit Sprichwörtern oder bestimmten Redewendungen an, damit man ihn nicht verletzt.

Vielleicht ist das so in Deutschland, weil die Zeit knapper ist. Ich habe anfangs den Eindruck gehabt, dass sie in Deutschland noch schneller als in Burkina Faso vergeht, denn ich konnte nie alles erledigen, was ich am Tag tun wollte. Vielleicht deshalb, weil man in Deutschland spät ins Bett geht und auch spät aufsteht? SeguedaIn Burkina Faso geht man früh ins Bett und steht früh auf. Man hat viele wertvolle Stunden vor sich.

Man sagt, »die Deutschen haben die Uhren und die Afrikaner die Zeit«. Wenn du dich mit jemandem in Burkina Faso treffen willst, ist es besser den Termin eine Stunde vor der vereinbarten Zeit festzulegen, in der Hoffnung, dass die Person, wenn man Glück hat, nur mit einer Stunde Verspätung eintreffen wird. So etwas kommt in Deutschland gar nicht in Frage. Pünktlichkeit ist ein Teil des funktionierenden Systems in Deutschland. Der Nachteil daran ist aber, dass die Gesellschaft nach und nach den Sinn für das Zwischenmenschliche verliert. Keiner nimmt sich Zeit für den anderen, weil jeder immer irgendwo hineilen muss um nicht zu spät zu kommen.

Was mir auch auffällt: Keiner grüßt den anderen wie es üblich ist in Afrika. Das ist betrüblich, aber wohl kulturbedingt. Viele Afrikaner erleben deshalb einen Kulturschock, wenn sie bemerken, dass vieles fremd ist im Vergleich zu den afrikanischen Angewohnheiten,  und es ist schwer für sie, sich an bestimmte Dinge der europäischen Lebensweise zu gewöhnen. Ein afrikanischer Freund erzählte mir, er könne nicht verstehen, dass die Leute nicht reagieren, wenn er sie an Fahrkartenautomaten sehe und grüße. In seinem Land grüßen sich die Leute, wenn sie sich zu zweit an einem Ort zufällig treffen. Auch nach sechs Monaten Aufenthalt in Deutschland könne er dieses Verhalten nicht nachvollziehen. Ein anderer afrikanischer Freund in Frankreich wundert sich über Folgendes: man solle etwas mitnehmen, wenn man zum Essen eingeladen ist. Der Gastgeber bestimme sogar manchmal das, was man mitbringen soll. Mit diesem Prinzip könne er nicht umgehen. In seinem Heimatland ist es undenkbar, dass ein Gast auch noch etwas mitzubringen hat, da er doch derjenige ist, der eingeladen ist. Er sei öfters eingeladen, aber wegen dieses Prinzips gehe er nicht hin.

Afrika wird oft als Kontinent geschildert, wo immer noch eine ausgeprägte Solidarität herrscht. Das ist nicht falsch. Aber ich teile nicht die Meinung, dass es keine Solidarität in Deutschland gäbe. Viele behaupten, die Solidarität würde auf Kosten des zunehmenden Individualismus, bei dem jeder erst auf sich selbst schaut, verschwinden. In Deutschland hat die Solidarität andere Formen angenommen, sie ist institutionalisiert. Erstaunlicherweise erhält man bei Arbeitslosigkeit Arbeitslosengeld vom Staat. Dadurch ist man in einem sozialen Netz abgesichert. In meinem Land ist man in ähnlicher Lage auf die Hilfe von Freunden und der Familie angewiesen, sonst hat man nichts. Sehr wertvoll ist auch die deutsche Krankenversicherung. Wer krank ist, kann einfach zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen.

Auch in Afrika haben sich viele »traditionelle« Angewohnheiten verändert. Auch das »Jeder für sich« fängt an, sich in Afrika zu etablieren. Leute haben jetzt kaum mehr Zeit füreinander. Man grüßt sich kaum noch, zumindest nicht mehr in den großen Städten. Das ist eine Folge des gesellschaftlichen Wandels. Die afrikanischen Länder bleiben nicht von den Folgen der Globalisierung verschont. Man sollte also mit den kulturellen Unterschieden umgehen können. Sie sind unvermeidlich. Ein Sprichwort bei uns lautet: »Wenn du dich in einem Ort befindest, wo die Leute auf ihrem Kopf laufen, mach es ihnen nach und halt dein Maul.« So habe ich mich benommen, und ich konnte mich gut einleben.

Das heißt ja nicht, dass man deshalb sein »Eigenes«, also seine eigenen Ansichten und Angewohnheiten, aufgeben muss. Aber man soll sie hinterfragen und sich Neuem gegenüber öffnen. Und schließlich hat keiner das Monopol zu bestimmen, welche Angewohnheiten richtig oder falsch sind.

Ich habe ein Zitat auf einer Hausmauer in Weimar gesehen, das mir gefällt: »Wenn Sie das Leben kennen, geben Sie mir seine Anschrift«, ein Wort von Jules Renard.

In diesem Sinne begebe ich mich nun weiter auf den Weg, das Leben kennenzulernen. Ich bin bereit, hier noch andere unvergessliche Erfahrungen zu machen, die mich auf meinem weiteren Weg begleiten.                                                                                                                                                                                                                                       Eric Segueda

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